|
Vestigium leonis
Das
letzte Kapitel der Erzählung "Vestigium leonis" von B. Emil König
Es war am
vierten Tage nach der
Zerstörung Bardewiks. Vor dem Dom standen die Bewohner in tiefer Trauer
beieinander. Herzog Heinrich der Löwe war noch einmal gekommen, seinem
getreuen Dirk Wahrens zu sehen und ihm seine Erkenntlichkeit zu beweisen.
Tiefgebeugt stand Bardewiks letzter Bürgermeister vor dem Rächer:
"Zürnet nicht, hoher Herr, wenn ich jedes Geschenk ablehne", bat er.
"Ich vermag nicht länger zu leben in der Trümmer meiner Vaterstadt,
deren Gemeinwesen ich vier Jahrzehnte hindurch vorgestanden habe. Eure
Gnade hat mir mein Haus und meine Habe erhalten, Kinder hat Gott meine
Ehe versagt; darum gestattet mir, Vaterstelle an dieser verwaisten
Jungfrau zu übernehmen und mir dann mit meiner Hausfrau in der Nähe ein
stilles Plätzchen zum Sterben zu suchen!"
"Wer ist die Maid?" fragte der
Herzog stirnrunzelnd. |
 |
"Die Tochter meines bisherigen Amtsgenossen, Harms Grotevend, der nichts vom Reichtum ihres Vaters geblieben ist als die
Kleider, die sie trug, als sie das Vaterhaus verließ, um in der Kirche
Gottes Erbarmen zu erflehen. Sie hat weder Vater noch Mutter
wiedergesehen. Das Haus ihrer Eltern liegt in Asche, und Harms Grotevend
war der Ersten einer, der im Kampfe gefallen ist."
"Ich werde der Jungfrau eine Pfründe im Stifte zu Lüne anweisen
lassen", sagte der Herzog.
Doch Dirk Wahrens lehnte ab: "Nicht doch, hoher Herr! Ihr Herz schlägt für den Waffenmeister
der zerstörten Stadt, den Fürsten Buthur!"
"Wo ist er?"
|
|
"Er liegt an einer Kopfwunde darnieder!"
"Er soll ein wackrer Degen sein. Sagt ihm: Sobald er genesen, will
ich ihm eine Feste zu hüten geben."
Der Greis verneigte sich.
"Doch eine Gabe möchte ich mir erflehen!" sagte er dann.
"Meinen Hof von St. Nikolai bin ich gewillt, für ewige
Zeiten zu einer Pflegestätte für Arme und Alte zu weihen. Ich bitte,
ihm die Rechte und Freiheiten derartiger Freistätten Eurer Lande zu
verleihen."
"Es sei Euch gewährt! Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?"
"Keinen."
Einen Augenblick sah Heinrich sinnend vor sich nieder, dann wies er mit
der Hand auf das Portal des Domes: "Dirk Wahrens, blickt dorthin
und lest!"
"Vestigium leonis", sagte er leise.
"Vestigium leonis", wiederholte der Herzog ernst und mit
bewegter Stimme, "die Spur des Löwen. - Lebt wohl, Dirk Wahrens
und ihr alle." Dann wandte er sein Pferd und ritt langsam gen
Lüneburg. "Es ist keine Freude an der Rache", sprach er
unterwegs zu seinem nächsten Begleiter.
Und schon am anderen Tage verließ er den Bardengau.
(Aus "Neuer deutscher
Jugendfreund" von 1906) |
|