Bardowick, die „uhralte" Stadt

„Daß Bardewick eine uhralte Stadt, ja älter, als das alte Rom selbst, gewesen, ist nicht nur eine alte Tradition, die von den Einwohnern dieses Orts für wahr gehalten wird; sondern man findet auch verschiedene Geschicht-Schreiber, die derselben Beyfall geben." Mit diesen Worten be­kräftigt Christian Schlöpke, Bardowicks bedeutendster Chronist, die stolze Überlieferung, wonach der Ort an der Ilmenau schon um das Jahr 1000 vor Christi Geburt entstanden sein soll.

Tatsächlich zählt Bardowick zu den ältesten Städten Norddeutschlands. Diese frühe Bedeutung verdankt der Ort seiner verkehrsgünstigen Lage. Von Bardowick fuhren die Schiffe auf der Ilmenau in die Elbe und weiter ins offene Meer. Außerdem führte ein zu jeder Jahreszeit gang- und fahrbarer Weg durch die Marsch nach Artlenburg, einer der meistbenutzten Fährstellen zwischen den Gebieten westlich und östlich der Elbe. 805 setzte Kaiser Karl der Große in Diedenhofen an der Mosel fest, dass die fränkischen Kaufleute, die mit den Slawen Handel treiben wollten, bis an die Ilmenau ziehen durften. Weiter sollten sie nicht vorstoßen. Karl wollte, dass sie in Bardowick mit den slawischen Partnern ihre Geschäfte ab­wickelten.

Der Handel macht die eine Seite von Bardowicks Bekanntheit aus. Dazu gewann der Ort kirchliche Bedeutung, zunächst freilich mehr in negativem Sinne. Am 3. November 782 wurde der Missionar Marianus, ein Schüler Willehads, des ersten Bischofs von Bremen, auf der Ilmenaubrücke bei Bardowick ermordet. Diese Bluttat gehört in die wilde Zeit der Sachsen­kriege. Noch waren Widukind und seine Gefolgsleute nicht bereit, sich Karl dem Großen zu beugen und das Christentum anzunehmen. Die neue, christlich-fränkische Ära war unaufhaltsam. Wenig später bereits begann die Geschichte der wichtigsten Bardowicker Kirche, des so genannten Domes. „Dieses ... halten wir für ungezweifelt", erzählt Schlöpke, „dass das Stifft, welches noch itzo würcklich bey hiesiger Kirche blühet, ... zu Caroli M(agni) Zeiten seinen Anfang genommen ..."

Nach der gängigen Überlieferung soll Karl der Große Bardowick zum Sitz eines der insgesamt acht von ihm im sächsischen Raum eingesetzten Bischöfe bestimmt haben. Nur einige Jahrzehnte freilich, besagt diese Über­lieferung weiter, konnte Bardowick bischöfliche Residenz bleiben. Die Normannen, vor deren Überfällen kein Ort an der Elbe und deren Nebenflüssen sicher war, verursachten die Verlegung des Bischofssitzes in das weniger bedrohte Verden.

Die Bezeichnung „Dom" für Bardowicks älteste Kirche scheint diese Lesart zu bestätigen. Aber es muß keineswegs so sein, dass „Dom" für „Bischofskirche" steht. Möglicherweise gewöhnte man sich wegen der Größe der Bardowicker Hauptkirche an, „Dom" zu sagen. Dafür spricht, dass diese Bezeichnung erst nach 1400 begegnet.

Anstatt die Gründung eines Bistums in Bardowick und seine Verlegung nach Verden zu vermuten, geht man heute davon aus, dass Karl der Große sowohl in Verden als auch in Bardowick Missionsstationen einrichtete, deren Aktionsgebiete dann später zu einem Bistum mit dem Sitz in Verden zusammengelegt wurden.

Unbestritten ist demgegenüber, dass der Bardowicker Dom als Kollegiatstift in die Geschichte eintrat, das heißt, an dieser Kirche wirkte eine größere Anzahl von Klerikern, die sich einer Art von mönchischem Lebensstil unterworfen hatten. Die Missionsaufgaben und die sich rasch dazu gesel­lenden Verwaltungsaufgaben verlangten — in moderner Sprechweise — ein Team von Geistlichen. Auch ohne Bischof war Bardowick anfangs das kirchliche Zentrum des Bardengaus.

Seit dem letzten Drittel des achten Jahrhunderts begegnet in der sächsischen Literatur immer wieder die Bezeichnung „Bardengau". Noch Herzog Wil­helm, der Sohn Heinrichs des Löwen, nennt sich in einer 1205 ausgefertig­ten Urkunde „Princeps Bardinghie", Fürst des Bardengaus, Schon bei seiner ersten Erwähnung (780) war der Name „Bardengau" nichts als eine geschichtliche Erinnerung. Um 400 hatten die Langobarden ihre Wohnplätze an der unteren Elbe verlassen. Sie zogen südwärts an die Donau und gelangten über Ungarn schließlich nach Oberitalien. Die Reste der langobardischen Bevölkerung in der alten Heimat im Norden vermeng­ten sich mit den nachdrängenden Sachsen, ein Prozess, der im achten Jahr­hundert längst abgeschlossen war.

Der Name „Bardengau" hatte sich behauptet. Er betraf das Gebiet, das im Westen durch die Seeve und im Osten durch die Westgrenze des heutigen Landkreises Lüchow-Dannenberg bezeichnet ist. Den nördlichen Abschluss bildet die Elbe. Im Süden werden die Nordgrenzen der Landkreise Gifhorn und Celle erreicht; der nördliche Teil des Landkreises Soltau ist noch zum Bardengau zu rechnen.

Der sächsische Raum, in dem der Bardengau stets eine hervorragende Rolle spielte, wuchs Ende des neunten Jahrhunderts zum Stammesherzog­tum der Ludolfinger zusammen. 919 errang die sächsische Herzogsfamilie mit Heinrich I. die deutsche Königswürde. 1024 starb sie mit Heinrich II. aus. Seitdem existierte das Stammesherzogtum Sachsen nicht mehr. Ledig­lich für einen Teil behaupteten die Billunger den sächsischen Herzogstitel. Im Jahre 961, ein Jahr bevor er in Rom die Kaiserkrone empfing, setzte König Otto I. Markgraf Hermann Billung im östlichen Sachsen als Herzog ein. Zugleich schenkte er ihm große Ländereien. Die Familie der Billunger nahm einen bedeutenden Aufschwung. Die beiden Mittelpunkte ihrer Macht waren Lüneburg, auf dessen Kalkberg Hermann kurz nach 950 eine Burg errichtet hatte, und Bardowick, wo das in Lüneburg gewonnene Salz ge­handelt und auf Schiffe und Wagen geladen wurde. Für das Jahr 1002 ist erstmals ein „dux de Luiniborch" (Herzog von Lüneburg) urkundlich bezeugt.

Zur Zeit Hermanns bereits arbeitete in Bardowick eine Münze. Sie prägte Denare, die so genannten „Bardowicker Pfennige", die überall in den nord­deutschen Städten geschätzt waren. Außerdem wurde in dem geschäftigen Stapel- und Handelsplatz ein Marktzoll erhoben. Den zehnten Teil der Einkünfte aus Münze und Zoll gestand Kaiser Otto I. 965 dem Lüneburger Benediktinerkloster St. Michaelis zu.

Seitdem sich Karl der Große 795 und 798 in Bardowick aufgehalten hatte, kamen immer wieder kaiserliche und königliche Besucher — so zum Bei­spiel 1073 König Heinrich IV., um mit dem Dänenkönig Sven Estridson zu verhandeln. Nicht nur auf wirtschaftlichem und kirchlichem Gebiet, son­dern ebenso auf politischem lag die Bedeutung der „uhralten" Stadt an der Ilmenau.

(Quellenangabe: Vom Bardengau zum Landkreis Lüneburg von Jürgen Peter Ravens.
Erschienen 1969 im Verlag Nordlanddruck, Lüneburg)