Die Welfen kommen nach Sachsen

Auf der Ertheneburg, die wahrscheinlich schon in karolingischer Zeit den Artlenburger Elbübergang deckte und seit dem zehnten Jahrhundert einer der Stützpunkte der Billunger gegen die slawischen Wenden war, starb 1106 Herzog Magnus, ohne einen Sohn zu hinterlassen. Eineinhalb Jahrhunderte hatte die Familie der Billunger im östlichen Sachsen die führende Rolle gespielt. Nun räumte sie ihren Platz neuen Kräften. Magnus besaß zwei Töchter. Die eine war mit Otto dem Reichen von Ballenstedt verheiratet; dieser Ehe entspross Albrecht der Bär. Die andere Tochter, Wulfhilde, war die Frau des Bayernherzogs Heinrichs des Schwarzen. Die Billunger Besitzungen fielen somit an die Grafen von Ballenstedt (auch Askanier genannt) und an die Welfenherzöge in Bayern. Zugleich wurde die sächsische Herzogswürde Lothar von Supplinburg, dem späteren König und Kaiser, zugesprochen.

Die Welfen — ursprünglich eine schwäbische Familie, die 1055 mit Welf III. in männlicher Linie ausgestorben war — wurden 1070 mit Welf IV., einem Neffen Welfs III., bayerische Herzöge. Die jüngere welfische Linie war damit gegründet, korrekt hieß sie Welf-Este, weil Welfs IV. Vater dem italienischen Adelsgeschlecht Este entstammte, üblich ist aber auch für diesen neuen Zweig der alte Name: die Welfen.

Magnus' Todesjahr bezeichnet das erste Fußfassen der Welfen im sächsi­schen Raum, und zwar bekam Heinrich der Schwarze durch seine welfische Gemahlin gerade die Billunger Kernlande um Lüneburg und Bardowick. Den zweiten Schritt in den Norden des Reiches konnten die bayerischen Herzöge 1137 tun. Kaiser Lothar, den es wie seine Vorgänger mehrfach — 1132, 1134 und 1136 — nach Bardowick gezogen hatte, starb ohne männ­lichen Erben. So kamen wie drei Jahrzehnte vorher die Besitzungen der Billunger nun auch die Güter der Supplinburger an die Welfen. Denn Lothars Tochter, Gertrud, war mit Heinrichs des Schwarzen Sohn, Heinrich dem Stolzen, vermählt.

Sogar die Anwartschaft auf den sächsischen Herzogstitel besaßen die Welfen. Doch Konrad III., der erste Staufer auf dem deutschen Königsthron, hielt sich nicht an Lothars Versprechen und machte Albrecht den Bären zum Herzog von Sachsen. Heinrich der Stolze konnte seine Stellung nicht behaupten. Albrecht fiel in Sachsen ein und eroberte Lüneburg und Bardowick. Als Heinrich 1139 starb, waren die welfischen Aussichten im Norden un­günstig.

 

 

(Quellenangabe: Vom Bardengau zum Landkreis Lüneburg von Jürgen Peter Ravens.
Erschienen 1969 im Verlag Nordlanddruck, Lüneburg)