Heinrich der Löwe

Das zwölfte Jahrhundert erlebte das einzigartige Schauspiel, dass sich zwei Herzogtümer des Reiches in der Hand eines Mannes befanden, der, ohne König zu sein, königliche Machtfülle besaß: Herzog Heinrich der Löwe, die überragende Gestalt des Welfenhauses, der Vetter und Gegenspieler Kaiser Friedrich Barbarossas.

1142 hatte Heinrich das Spiel in Sachsen gewonnen. Albrecht der Bär ver­zichtete auf das Herzogtum und richtete sein Trachten künftig auf die Mark Brandenburg. Heinrich empfing von König Konrad III. die sächsische Herzogswürde. Zugleich freilich musste er allen Ansprüchen auf Bayern entsagen. Eineinhalb Jahrzehnte später jedoch vermochte er diesen Ver­zicht rückgängig zu machen. Die Babenberger, die kurze Zeit den ganzen bayerischen Raum beherrscht hatten, wurden auf Österreich beschränkt. Seit 1156 hielt Heinrich der Löwe zwei gewaltige Herrschaftskomplexe in Besitz, aber es genügte ihm nicht, bloß das Gewonnene zu wahren. Das Herzogtum Bayern tendierte unverkennbar in den lombardischen Raum, und aus Sachsen stieß nach Norden und Osten die große deutsche Expan­sionswelle des zwölften Jahrhunderts vor. Von der Lombardei bis Schles­wig und vom Rhein bis in die Gebiete östlich der Elbe reichte Heinrichs Einfluss. Innenpolitisch war es sein Bestreben, aus den alten Stammes­herzogtümern mit Hilfe des ihm ergebenen Beamtenstandes der Ministe­rialen militärisch und wirtschaftlich gut funktionierende Territorien zu bilden.

Auch Bardowick bekam die neue Zeit zu spüren. Mit der bisherigen Be­deutung ging es zu Ende. Der Ort war kein Grenzplatz mehr, wo germani­sche und slawische Händler ihre Waren austauschten. Diese Funktion ging nun an holsteinische und mecklenburgische Orte über — vornehmlich an Lübeck. 1158 erwarb Heinrich der Löwe die 1143 von Graf Adolf von Schauenburg gegründete Stadt und baute sie zu einer großen Handels­metropole aus.

Noch blühte Bardowick. Schon allein der Handel mit dem Lüneburger Salz musste als eine sichere Existenzgrundlage gelten. Eine bescheidene Vor­stellung von dem Treiben, das um die Mitte des zwölften Jahrhunderts in Bardowick herrschte, vermittelt der am 24. April 1912 im „Heidberg" auf dem rechten Ilmenauufer gehobene Münzenfund. Außer rund 300 Bardowicker Denaren fand man ungefähr 100 Brakteaten verschiedenster Herkunft (Denare sind zweiseitig und Brakteaten einseitig geprägte Münzen). Die zweite Gruppe stammte aus den Prägstätten in Hildesheim, Gandersheim, Goslar, Halberstadt und Quedlinburg; auch Magdeburg und Brandenburg, Eisenach, Erfurt, Orlamünde, Naumburg, Merseburg, Pegau, Meißen und andere Orte waren vertreten. Die heimischen Denare mitgerechnet, ermittelte man insgesamt 48 unterschiedliche Typen. Aus einer Reihe von Merkmalen — wie der Aufschrift „HEINRIC DVX" (Herzog Heinrich) auf den „Bardowicker Pfennigen" — schlössen die Fachleute, dass der Münzenschatz um das Jahr 1165 im Heidberg vergraben wurde.

Auch die Zahl der Kirchen, die zu Heinrichs des Löwen Zeit in Bardowick standen, beweist den Rang der Stadt. Außer dem Petrus und Paulus ge­weihten Dom gab es südlich daneben die Kirche „Unser lieben Frauen" oder „Mariae Virginis". Am Markt, in unmittelbarer Rathausnähe, erhob sich das Gotteshaus St. Fabiani und Sebastiani. Zwischen dem „Sand" und dem „Berg" lag St. Viti, am Nordrand der Stadt, dem so genannten Wittorf er Ende, St. Stephani, neben der Ilmenaubrücke die St. Valerii- und Mariani-Kirche. Dazu kamen ilmenauaufwärts St. Johannis, St. Wilhadi und als letzte, am Südende der Stadt, St. Nikolai.

Die Wilhadi-Kirche wurde offenbar von friesischen Kaufleuten gegründet, die dort beteten, wenn sie in Bardowick waren. In unmittelbarer Nähe der Kirche hatten sie ihre Quartiere. So ergibt sich der bemerkenswerte Sachverhalt, dass die Pfarrei St. Wilhadi nur vier Höfe umfasste (daneben noch die Bediensteten des benachbarten Gutes Vrestorf). Eine weitere Kauf­mannskirche war St. Johannis. Für St. Stephani ist nicht hundertprozentig geklärt, ob es sich ebenfalls um eine Kaufmannskirche handelte. In Nord-Süd-Richtung maß Bardowick gut 2000 Meter, von Osten nach Westen rund 1000 Meter. Mit diesem Umfang, der kostspielige Befesti­gungsanlagen nötig machte, übertraf die Stadt während ihrer Blütezeit das benachbarte Lüneburg bei weitem. Ein unschätzbarer Wert kommt dem Stadtplan zu, der 1588 von dem Kartographen Daniel Frese gezeichnet wurde. In diesem Plan sind noch alle neun Kirchen eingetragen. Außer­dem sieht man die Umwallungslinie und die alten Straßenzüge. Während die städtische Verwaltung durch einen als Schultheiß bezeichneten herzoglichen Präfekten und vier Ratmannen, die ihm unterstellt waren, offenbar funktionierte, kam es im Kollegiatstift zu erheblichen Spannungen. Der Verwalter der Stiftsgüter, der Präpositus, hatte fünf Sechstel der Ein­künfte an sich gebracht. Die übrigen Mitglieder des Stifts, die Kanoniker, mussten sich mit dem verbleibenden einen Sechstel begnügen.  Schlöpke urteilt: „Solchem Eigennutz haben die Canonici länger nicht nachsehen können, insonderheit, da die Praepositi stattlich und fast Gräfflich gelebet..." 1158 brachte Bischof Hermann von Verden Abhilfe. Der Anteil des Präpositus wurde auf ein Drittel reduziert, die anderen beiden Drittel erhielten die Kanoniker. Außerdem hatten sie von nun an die Möglichkeit, aus ihrer Mitte einen Dekan zu wählen, der ihre Ansprüche gegenüber dem Präpositus vertreten konnte.

Mannigfaltig ist das Bild der Bardowicker Lokalgeschichte zur Zeit Hein­richs des Löwen. Aber nicht sie allein bestimmte den politischen Weg der Stadt. Das entscheidende Ereignis kam von außen, und nicht einmal von Lübeck, der aufstrebenden Konkurrentin, sondern aus der großen Reichs­politik.

Der übermächtige Herzog und sein kaiserlicher Vetter konnten auf die Dauer nicht nebeneinander existieren. Es entstanden Reibungen, es ent­stand offener Zwist. Das Goslaer Bergwerk beispielsweise wurde zum Streitobjekt zwischen ihnen. In die letzte, gefährlichste Phase trat die Aus­einandersetzung 1176, als sich Heinrich in Chiavenna am Comersee wei­gerte, an Friedrichs Zug gegen den Lombardenbund teilzunehmen. Das Jahr 1180 brachte die große Abrechnung des Kaisers. Heinrich der Löwe wurde in die Reichsacht erklärt. Beide Herzogtümer büßte er ein. In Bayern folgte Otto von Witteisbach. Der sächsische Herzogstitel fiel an Bernhard, einen der Söhne Albrechts des Bären. Nur ihre Eigen- oder Hausgüter um Braunschweig und Lüneburg, ihre Allode (zu unterscheiden von den mit der Herzogswürde verbundenen Dienstgütern), blieben den Welfen.

Der Kaiser selbst erschien in Norddeutschland. Heinrich ließ die Ertheneburg anzünden und flüchtete auf einem Schiff nach Stade. Kurz darauf kehrte er zurück, unterwarf sich in Lüneburg dem Vetter, wurde begnadigt, musste nun aber für drei Jahre das Land verlassen: 1182 ging er zu seinem Schwager, dem König von England, in die Verbannung.

(Quellenangabe: Vom Bardengau zum Landkreis Lüneburg von Jürgen Peter Ravens.
Erschienen 1969 im Verlag Nordlanddruck, Lüneburg)