Leonis Vestigium (1189)

Heinrich der Löwe war außer Landes. Drei Jahre lang — bis 1185 — hielt er sich im Königreich England auf. Dann kam er wieder und suchte seine sächsische Position neu zu festigen. Aber nochmals war er der Verlierer. Man nötigte ihm ein zweites Exil auf. 1189 ging Heinrich wieder ins Aus­land.

Kaum hatte der Kaiser den dritten Kreuzzug angetreten, auf dem er 1190 ertrank, da machte der Verbannte kehrt und erschien in Sachsen. Selbst die welfischen Allode waren gefährdet. Herzog Bernhard unternahm alle Anstrengungen, seine Lande Wittenberg und Lauenburg abzurunden. Im Oktober 1189 kam der Löwe in das Lüneburger Gebiet. Die Ertheneburg war inzwischen durch den Askanier abgetragen worden; ihre Steine hatte er zum Bau Lauenburgs verwandt. Zeitweise war sogar die Fähre von Artlenburg nach der nun ein Stück stromaufwärts gelegenen Neugründung verlagert worden. Unter dem Druck der Kaufleute hatte Bernhard aber rasch den alten Zustand wiederherstellen müssen.

Der Löwe rückte vor Bardowick und begann die Stadt zu belagern. „Insgemein wird erzehlet und auch von den meisten gegläubet", weiß Christian Schlöpke dazu zu berichten, „dass die Belagerte so gottloß gewesen, und Henrico Leoni von den Mauren, salva venia (mit Verlaub zu sagen), die entblößete Hindern gezeiget." Schlöpke motiviert die Belagerung damit, dass Heinrich den Bardowickern alte und neue Beleidigungen heimzahlen wollte, deren sich die Bardowicker aus Ärger über den Aufstieg Lübecks unterstanden hatten.

Auf den drei Landseiten war die Stadt von schwer einnehmbaren Wällen und Mauern umgürtet. Darum richtete Heinrich seine hauptsächlichen Angriffe auf die verhältnismäßig niedrige Mauer, die Bardowick zur Ilmenau hin hatte. Mit Schiffen versuchte er an sie heranzukommen. Aber die Ein­geschlossenen merkten die Absicht und schössen die Schiffe in Brand.

Zwei Tage lang mühte sich der Herzog vergebens, die Stadt zu er­stürmen. Am dritten Tag jedoch, dem Tag der Apostel Simon und Judas (28. Oktober 1189), erhielt er einen unerwarteten Bundesgenossen: einen Bardowicker Ochsen, der sich verirrt hatte und unversehens im welfischen Lager auf dem östlichen Ilmenauufer erschien.

Die Soldaten hatten ihren Spaß mit dem Tier, das völlig scheu durch die Zeltstraßen lief. Sie jagten es fort, geradewegs gegen den Fluss trieben sie es — und der Ochse watete hindurch! Nur bis an die „Hüffte des Leibes", wie Schlöpke meldet, reichte ihm das Wasser. Der Bardowicker Ochse kannte eine Furt durch die Ilmenau; die „falsche Furt" wurde sie später genannt.

Hinter dem Tier her ließ Heinrich sofort Reiter aufs andere Ufer über­setzen. Die Übergangsstelle lag etwa auf der Höhe der Nikolaikirche. Für einen Angriff war sie eigentlich wenig geeignet. Denn ganz in der Nähe traf die südliche Stadtmauer auf den Fluss, und von ihr herunter konnten die Verteidiger mit Pfeilen schießen. Lediglich der Überraschungseffekt entschied über den Erfolg. Ehe die Belagerten recht begriffen, was geschah oder schon geschehen war, hatten des Löwen Leute bereits über die nied­rige Ufermauer den Weg in die Stadt gefunden.

Die Bewaffneten, auf die sie trafen, mussten sterben oder gerieten in Gefan­genschaft. Viele Häuser gingen in Flammen auf. Die Stadtmauern und Türme wurden geschleift, die Wälle eingeebnet. Die Eroberer bereicherten sich an goldenen und silbernen Wertsachen. Die Kirchen büßten ihre Schätze ein: ganze Fenster, Glocken, Abendmahlskelche, Weihrauchfässer, Schellen, Messgewänder und kostbare Bücher wanderten von Bardowick nach Ratzeburg, um zur Ausstattung des dortigen Domes verwandt zu werden. Die Gotteshäuser als solche blieben verschont; alle neun werden noch nach dem Schreckens jähr 1189 erwähnt.

Selbst die Bardowicker Trümmer wurden fortgeschafft. Mit Steinen der zerstörten Stadt an der Ilmenau förderte man den weiteren Ausbau Lübecks. Hamburg profitierte auf gleiche Weise. Den meisten Nutzen aber hatte das benachbarte Lüneburg: aus Bardowicker Trümmersteinen entstand es erst jetzt zu einer nennenswerten Stadt.

In diesem Sinne erzählt Schlöpke die Geschichte von Bardowicks Unter­gang — anschaulich, dramatisch und rund, nur kaum in Einklang mit der historischen Wirklichkeit. Die Zerstörung von 1189 war nicht ein Racheakt Heinrichs an den Bardowickern. In die Stadt hatte Herzog Bernhard, Heinrichs Rivale, eine starke Besatzung gelegt. Mit Bardowick brach der Welfe eine der wichtigsten Bastionen des Askaniers.

Im übrigen will es nicht einleuchten, dass der Herzog die Stadt von der Ost- und Ilmenauseite her angegriffen haben soll. Es wäre geradezu töricht gewesen, wenn er nicht die West- und Landseite gewählt hätte. Offenbar gab Schlöpke seine Darstellung unter dem Eindruck späterer Ereignisse; im 30jährigen Krieg kam die Gefahr vielfach aus östlicher Richtung. Es wäre auch irreführend, den Niedergang Bardowicks plötzlich und allumfassend mit dem Geschehnis von 1189 beginnen zu lassen. Dafür waren politische und wirtschaftliche Verschiebungen größeren Ausmaßes verant­wortlich. Freilich wurde die Abwärtsentwicklung durch die Zerstörung zu­sätzlich gefördert; insbesondere Lüneburgs Aufstieg konnte nun rascher verlaufen.

Löwe und Ochse (beziehungsweise Bulle, denn als Bulle erlangte Schlöpkes Ochse seine geradezu sprichwörtliche Bedeutung), sie haben beide Symbol­charakter für Bardowick. „Leonis Vestigium" (Des Löwen Spur) heißt die Unterschrift unter dem hölzernen Löwen über dem Südportal des Domes, und kein Zweifel, dass Heinrich der Löwe in die Geschichte Bardowicks seine unverwischbare Spur eindrückte. Kein Zweifel aber auch, dass der sicher gar nicht historische Bulle vorzüglich geeignet ist, den nach seiner städtischen Glanzzeit mehr agrarischen Charakter Bardowicks zu dokumen­tieren — wenn man die scherzhaft in ihm verdeutlichten Charaktereigen­schaften des Bardowicker Gemüsebauers hier einmal liebevoll übergehen darf.

(Quellenangabe: Vom Bardengau zum Landkreis Lüneburg von Jürgen Peter Ravens.
Erschienen 1969 im Verlag Nordlanddruck, Lüneburg)