Die kleine Bardowicker Bahnhofswelt  von Albert Alten

Wo heute die Autobahn A 250 mitten durch den Ort verläuft und Schnellzüge an einem einsamen Stellwerk vorbei rauschen, gab es bis Anfang der 90er Jahre die kleine Bardowicker Bahnhofswelt (siehe Foto).

Eine Tankstelle, zwei Gastwirtschaften und ein richtiges Bahnhofsgebäude aus der Gründerzeit mit Fahrkartenschalter und Gepäckannahme standen dort, wo heute meterhohe Schallwände die Sicht versperren und eine nicht gerade schöne Unterführung für Fußgänger und Radfahrer die Bardowicker Siedlung mit dem Dorfkern mehr recht als schlecht verbindet.

An der kleinen Tankstelle mit zwei Zapfsäulen und anliegenden Werkstatträumen wurde gern getankt und nicht selten gab es schon damals ab einer gewissen Menge Benzin ein kleines Präsent gratis dazu. Sehr beliebt waren hauchdünne Schallfolien, auf denen die Hits der späten Sechziger und frühen Siebziger zu hören waren. Wie zum Beispiel die Single „Brown Sugar“ von den Rolling Stones. Doch es wurde nicht nur getankt. Von Nah und Fern kamen Kunden mit ihren Autos zur Reparatur in die Autowerkstatt am Bahnhof. Am schönsten anzuschauen war das legendäre Goggomobil der allseits beliebten Gemeindeschwester "Hanni", die in diesem beliebten Kleinwagen der 60er durch den Ort fuhr. Für Schulkinder gab es auch den VW-Käfer, den Opel Rekord, den Ford Taunus oder den stets sehr gepflegten Mercedes vom „Gasthaus Ewald“ zu bestaunen. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch gern an die Mercedes-Heckflosse oder den Ponton-Benz aus jener Zeit.



Im „Gasthaus Ewald“ trafen sich nicht nur die Honoratioren des Ortes am Stammtisch, sondern auch Landwirte nach getaner Feldarbeit auf eine „kleine Erfrischung“ zum Feierabend. Es kam schon mal vor, dass es vor dem Lokal wie auf einem Treffen für Landwirtschaftsfahrzeuge aussah: Unimogs und Traktoren der unterschiedlichsten Marken parkten vor dem Gasthaus und der Bahnhofsgaststätte. Alle vier Jahre war das „Gasthaus Ewald“ auch Wahllokal bei den Bundestags- und Landtagswahlen. Das hatte damals noch

etwas Feierliches, wenn man die Eltern ins Wahllokal begleiten durfte und am Tresen eine Coca Cola vom Wirt spendiert bekam.

Wer als Reisender das Empfangsgebäude des Bardowicker Bahnhofs (erbaut um 1900) betrat, kam in einen langen dunkeln Gang mit Fahrkartenschalter und einer großen Holzbank, auf der eine kleine Untertasse und ein Stapel BILD-Zeitungen lagen.


Foto: Flecken Bardowick - Festschrift zum 1200-jährigen Jubiläum, Seite 74

Einen gut sortierten Zeitungskiosk gab es im Bahnhof nicht und Ehrlichkeit wurde noch groß geschrieben. Denn am Abend war die Untertasse gefüllt mit vielen Groschen der Zeitungsleser, die nach Hamburg oder Lüneburg zur Arbeit fuhren.

Der im Empfangsgebäude aufgehängte Zigarettenautomat war aus heutiger Sicht leider auch beliebt bei den Jugendlichen, die hier ihre erste Schachtel Zigaretten heimlich aus dem Automaten zogen. Die Bahnhofsgaststätte war im Gegensatz zu vielen anderen Lokalen in anderen Bahnhöfen gemütlich und kulinarisch ein Treffpunkt für Freunde der guten Hausmannskost.

Den Begriff „Fast Food“ gab es zur damaligen Zeit noch nicht. Aber die Currywurst mit Pommes Frites oder das Schweinefleich mit ebenso leckeren Bratkartoffeln waren ein Genuss. Feinschmecker konnten in beiden Gaststätten natürlich auch Speisen mit den berühmten Bardowicker Spargel als Beilage auswählen.

Anfang der 90er Jahre des vorherigen Jahrhunderts kam für diese Jahrzehnte währende Idylle das Aus: Häuser, die beiden Gaststätten und die Autowerkstatt wurden abgerissen. Insgesamt sieben Häuser mussten der Autobahn A 250 weichen und wurden dem Erdboden gleich gemacht. Bis zum Schluss gab es im Bardowicker Bahnhofsgebäude noch Leben und Musik. Im Erdgeschoss spielten bis zum Abriss noch Bands in der Musikkneipe „Wahnhof“.