Discofieber in Bardowick
Text: Albert Alten, Fotos: bardowick.com

Anfang der 70er-Jahre war es auch in Bardowick soweit: Das Discofieber erreichte die Ilmenau. Genauer gesagt: Die Diskothek „Zur Ilmenau“ jenseits der Ilmenaubrücke in Richtung Adendorf. Es war der Top-Treffpunkt am Sonnabend Abend. Nach 21.00 Uhr gab es diesseits und jenseits des Flüsschens Ilmenau fast keinen Parkplatz mehr.

Die Autos, Motorräder und Mopeds kamen aus fast allen Regionen Norddeutschlands. Die Bardowicker Disco hatte nichts mit einer kleinen, unbedeutenden Dorfdisco zu tun. Sie hatte internationales Flair, was die internationalen Stars und Pop- und Rockgruppen immer wieder zeigten, die in den 70er-Jahren ständige Gäste in Bardowicks Disco waren.

Für die Babyboomer der 60er startete der Sonnabend Abend aber schon vor dem Discobesuch richtig laut, sofern die Eltern nicht da waren oder die Nachbarn nichts dagegen hatten, wenn die Lautsprecherboxen ab 18.00 Uhr auf volle Lautstärke aufgedreht wurden. Im Radio lief „Die internationale Hitparade“ mit dem bekannten Moderator Wolf-Dieter Stubel. Danach wurde noch die Flimmerkiste angeknipst. Ilja Richter präsentierte im Fernsehen in seiner DISCO-Sendung nationale und internationale Hits der 70er. Im damaligen Fernsehprogramm war die Musiksendung schnell zu finden:

Es gab nur drei Programme und wer heute ein altes BRAVO-Heft aufschlägt, erfreut sich an der Übersichtlichkeit des TV-Angebotes, das auf drei Seiten abgehandelt wurde. Natürlich mit dem Hinweisen auf die neue BRAVO am nächsten Donnerstag und dem Start eines neuen BRAVO-Starschnitts und das alles für 1 D-Mark. Die Charts und Hitlisten hatten damals fast alle drauf und im Gedächtnis. Die BRAVO-Musikbox als ständige Rubrik in der Jugendzeitschrift präsentierte jede Woche die Hits aus Deutschland, England und Amerika. Besonderes Augenmerk galt der LP-Parade. Hier wurden die beliebtesten Langspielplatten (LP) der Woche aufgelistet und später auch gekauft. Wie zum Beispiel das Top-Album „Bridge over troubeld Water“ von SIMON and GARFUNKEL. Ein Welterfolg. Ein Blick in das BRAVO-Heft Nummer 5 vom 25. Januar 1971 zeigte MIGUEL RIOS mit seinem Song „A Song of Joy“ auf Platz 1. Dieser Hit war Anfang der 70er wochenlang auf den vorderen Hitlisten zu finden und ein Ohrwurm wie „My sweet Lord“ von Ex-BEATLE GEORGE HARRSION. Gefolgt wurde er von CHRIS ROBERTS mit seinem Hit „Ich bin verliebt in die Liebe“. Als musikalisches Kontrastprogramm landete auf Platz 3 die Rockgruppe BLACK SABBATH mit ihrem Hit „Paranoid“.

Kleine Anmerkung für die CD-und mp3-Generation von heute: Die kleine schwarze Vinyl-Schallplatte hieß damals „Single“ und war der kleine Bruder von der LP. Gekauft wurden diese kleinen schwarzen Scheiben am liebsten in Lüneburg im Plattenladen „Redlich und Löffler“. Dieser kleine Laden war damals das Schallplatten-Paradies für jeden Plattenfan. Denn es wurden auch ausgefallene Plattenwünsche erfüllt. Auf den roten Barhockern saßen  damals viele und hörten vorab ihre Lieblingssongs an. Bevor sie sich die neue Hit-Single für Sechs D-Mark mit nach Hause nahmen.  Übrigens: Wer nicht so viel Taschengeld hatte, nahm die Songs stundenlang auf den kleinen Musik-Cassetten mit dem Radio-Rekorder auf.

Diese Hits präsentierte unter anderem der legendäre Bardowicker Diskjockey „Douglas“ jeden Sonnabend bei drehender Discokugel, die mit ihren Spiegelglasplättchen ein Discofieber wie im legendären „Studio 54“ in New York  vermittelte, bevor zu viele Biere und Longdrinks einem die Sinne vernebelten.

Mit Fahrrad, Mofa oder Moped ging es im Pulk ab 20.00 Uhr zur Disco an die  Ilmenau. Die Szenerie vor der Disco war fast immer die gleiche: Einige Zeitgenossen versuchten mit ihrem Kleinkraftrad Marke „Hercules" nur auf dem Hinterrad mit hochgerissenem M-Lenker über die Ilmenaubrücke zu driften oder ließen die Hinterräder ihres alten VW-Käfers mit


Fotos aus dem Gästebuch des DJ's

schleifender Kupplung durchdrehen und qualmen, um ein wenig Aufmerksamkeit bei den Damen zu erlangen, die im Glitter-Look und High Heels vor dem Eingang standen. Nächtliches Balzverhalten mit weniger als 50 Pferdestärken unter der Motorhaube: in den 70er keine Seltenheit und immer wieder gern gesehen. Einige Zeitgenossen nahmen diese kleinen „Burn Outs“ auf der Straße nicht immer wahr. Denn sie hatten zum wiederholten Mal das Angebot der Woche in der Hand: Ein volles Glas Cola-Rum. Beliebter Drink in der damaligen Zeit, der so manchen Diskoabend schon vor Mitternacht abrupt beendete.

Bevor der Diskjockey richtig loslegte, gab es Musiktitel vom Band und auf den Tischen lagen die begehrten DIN-A5-Blättchen aus.  Neben Witzen, Veranstaltungstipps, Pop-News  waren die beiden Hitlisten abgedruckt. Zum einen die internationale Hitliste und zum anderen die Oldie-Hitparade.
Am 23. April 1975 führte SCOTT McKENZIE mit „San Francisco“ die Oldie-Hitparade in Bardowick an und die BEE GEES sangen auf Platz 2 von einer Stadt mit Namen „Massachusetts“. Die EQUALS wurden mit ihrem Song „Let's got to the moon“ als Neuvorschlag vorgestellt. In die internationale Hitparade wählten Bardowicks Discobesucher im April 1975 die Rockgruppe STATUS QUO mit „Down Down“ auf Platz 2. Gefolgt von BILLY SWAN mit „I can help“. Neu in der Hitliste war damals die Gruppe COCKNEY REBEL mit „Make me smile“ und als Neuvorschlag gab es die GEORGE BAKER SELECTION mit dem 70er-Jahre-Hit schlechthin zu hören: „Paloma Blanco“.  

Wie international das Flair in Bardowicks Disco, nicht nur dank Video- und Musik-Clips, abgespielt auf einer großen Leinwand, war, zeigen die Star-Gastspiele zwischen 1972 bis 1980. Sie lesen sich wie eine Who-is-Who-Reihe zur Rock- und Popgeschichte. Ein kleiner Auszug: Die Pop-Gruppe TREMELOES („Ride on“, „Hello Buddy“) gastierte erstmalig 1975 in Bardowick. Die legendäre und schon genannte GEORGE BAKER SELCETION („Paloma Blanca“) spielte an der Ilmenau gleich drei mal. Der Weltstar BONNIE TYLER („It's a heartache“,  „Lost in france“) gab sich  in Bardowick 1978 die Ehre. Auch Amanda Lear („Follow Me“, „Queen Of Chinatown“) brachte die Fans mit einer tollen Bühnenshow im April 1978 in Stimmung.

Vom Discofieber ist Bardowick inzwischen geheilt und befreit. Aber, wer heute die Hits von damals fast täglich im Radio zu hören bekommt oder die vielen  Plakate an den Straßenrändern  sieht, auf denen von „Ü-30“-oder „Ü-40“-Partys die Rede ist, erinnert sich gern an die wilde Disco-Zeit und die vielen Hits in der Discothek „Zur Ilmenau“.

Schon irgendwie komisch, dass wir als „Über-40-Jahre-Generation“ das besondere Glück haben, noch zu Lebzeiten unsere Schlager und Hits als Oldies hören zu dürfen. In diesem Sinne: „Licht aus !..Wooom,...Spot an! ...Yeeaaah...“