Einkaufen in der Feldstrasse
von Albert Alten

In der Bardowicker Wohnsiedlung hinterm Bahnhof gab es in den 70er-Jahren eine bunte Einkaufsmeile. Ein Fleischer, ein Schreibwarenladen, ein kleiner Kiosk, ein Bäcker und ein  „Tante-Emma-Laden“ boten viel Einkaufsspaß und so manches Gespräch unter Nachbarn. Aber der Reihe nach:

In der Feldstraße waren Fleischer MOHR und der Schreibwarenladen ZWICKIES unter einem Dach. Tür an Tür, keinen Meter räumlich voneinander getrennt, gab es auf der linken Seite  alles, was ein Fleischereifachgeschäft im Angebot hat und auf der rechten die Utensilien eines Schreibwarengeschäftes mit reichlich Zusatzangeboten. Der kleine Fleischerladen hatte noch nicht die große Unübersichtlichkeit, wie sie heute in Großmärkten an meterlangen Tresen üblich ist. Doch uns Kinder interessierte nicht das Kotelett oder die Aufschnitt. Unser großer Moment kam, wenn der Einkauf bezahlt wurde.

Wenn alles beglichen war und die Wochenendration Fleisch in Einkaufsbeuteln (keine Plastiktüten!) verstaut war, gab es ein kleine Bockwurst über den Einkaufstresen gereicht oder es gab mal eine Bockwurst, die uns Kindern von der Verkäuferin geschenkt wurde. Manchmal war es ein leckeres Stück Fleischwurst. Natürlich abgepellt und zum Anbeißen fertig in die Hand. Ein kulinarischer Genuss aller erster Güte zum Nulltarif. Es erübrigt sich, anzumerken, dass man mit weit über 40 Lebensjahren, vergeblich darauf warten kann, ein ähnliches Präsent vom Fleischer offeriert zu bekommen. Dennoch gut zu wissen, dass es das es im Bardowicker Ortskern dieses Fleischerfachgeschäft mit eigener Hausschlachterei noch heute gibt.

Beim Schreibwarengeschäft ZWICKIES, gleich nebenan, waren neben den üblichen Schreibutensilien für die Schule die Spielsachen und Zeitschriften ein Magnet für uns Kinder und Jugendliche. Angefangen von den bunten Walt Diseny-Mickey-Mouse-Heften bis hin zu den Supermann-Comics und den in den 70er-Jahren beliebten ZACK-Comics.  Die ZACK-Hefte boten jede Woche Spaß, Spannung und Abenteuer im Vierfarbdruck und kosteten 1,50 Deutsche Mark. Die Helden waren unter anderem der Westernheld „Lucky Luke“ „Leutnant Blueberry“ oder der Rennfahrer „Michel Vaillant“. Heute allesamt weltbekannte Klassiker unter den Comics. All diese Abenteuer gab es bei „Elli“, wie die Ladeninhaberin liebevoll und mit der Vorliebe für Kosenamen in der Jugendsprache genannt wurde.



Foto: Albert Alten


Sehr beliebt waren auch die Bastelbausätze aus Plastik der Firmen REVELL und AIRFIX. Angefangen von kleinen Cowboy- und Indianerfiguren bis hin zu den Auto- und Motorradmodellen. Bei den Schiffsmodellen waren die Kriegsschiffe aus dem Zweiten Weltkrieg sehr beliebt als Bausätze. Sie wurden mit viel Akribie zusammengeklebt und nicht etwa im Regal dem Kinderzimmerstaub vorsätzlich ausgesetzt. Nein, nach Schulschluss ging es in den Landwehrwald an den Bach. Hier mussten die „Bismarck“, die „Tirpitz“ und die „Scharnhorst“ und all die anderen Schlachtschifflegenden beweisen, dass sie wenigstens als Modelle „unsinkbar“ waren und die Bastelmühen nach Abschluss der Schularbeiten nicht umsonst waren.  

Mit zunehmendem Alter gerieten die Spielsachen und Modelle immer mehr aus dem Blickfeld und die damals schon sehr beliebte Jugendzeitschrift BRAVO wurde der Renner unter den Jugendzeitschriften. Jeden Donnerstag ging es zu „Elli“ in die Feldstraße - die BRAVO kaufen. Mit dem druckfrischen Exemplar saß man auf den Stufen vor dem Geschäft und blätterte das Heft sorgsam durch. Neuigkeiten über Stars, Sternchen, Klatsch und Tratsch aus der Pop- und Musikszene wurden im Geiste aufgezogen, wie ein Schwamm das Wasser in sich aufsaugt. Fragen nach den Veränderungen in den Plätzen der internationalen Hitparaden wurden nicht selten mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen, wenn die persönliche Lieblingsband mal zwei Plätze absackte oder in den Top-Ten nicht mehr aufgeführt wurde. Gern gelesen wurden auch die Reportagen über die neuen Autos der Stars: Udo Jürgens in einem weißen 600er Mercedes oder „ Der Kommissar“ (Schauspieler Erich Ode) in seinem nagelneuen Ro 80 mit Wankelmotor. Das gleiche Modell fuhr übrigens in den frühen 70er-Jahren auch unser Fleischer MOHR.

Ebenso freute man sich, wenn in der BRAVO endlich die Lieblingspopgruppe in Lebensgröße an die Wand geklebt werden konnte. Die BRAVO-Starschnitte wurden mit der gleichen Liebe zum Detail gesammelt und zusammengeklebt wie die Schiffsmodelle. Der Autor dieser Zeilen hat noch heute einen Original-BRAVO-Starschnitt an der Tür zu seinem Jugendzimmer: Marilyn Monroe aus dem Jahr 1978. Die kleinen Portrait-Poster aus der BRAVO landeten übrigens in wechselnder Abfolge hinter die durchsichtigen Schutzfolien des Lesebuches, der Mathematik-Fibel. Es war an Mode, unter Bardowicker Schülern, seine Schulbücher aus dem Schulranzen zu holen und stolz den Schock-Rocker Alice Cooper mit Bierdose oder einen anderen Star auf dem Buchrücken zu präsentieren. Je auffälliger, desto besser.

Bevor es in der Feldstraße zu „Bäcker Gade“ ging, gab es fast immer noch einen Zwischenstopp bei „Lene“ FABER in der Feldstraße. Sie besaß gleich im Eingang ihres Hauses einen kleinen Schrank mit Zigaretten, Süßigkeiten und all den Kleinigkeiten, die man als Jugendlicher so brauchte: Waffeln, Weingummi, Zigaretten oder bei knapper Kasse ein Päckchen Tabak mit dazugehörigen Blättchen zum Selbstdrehen. Aus dem Keller holte sie auf Wunsch und Bestellung Getränke mit und ohne Alkohol.

Dieser kleine Kiosk  war Nachmittags - und Sonntags ganz besonders – beliebter Treffpunkt, um einen halben Liter Cola zu trinken oder besagte Süßigkeiten zu konsumieren. Auf dem Treppenabsatz saß man zwanglos rum oder machte es sich auf seiner Mofa auf dem Gepäckträger gemütlich. Natürlich mit der gewohnten Lässigkeit eines pubertierenden Jugendlichen.

Sehr gefragt waren Mitte der 70er-Jahre die nach Lakritz schmeckenden Lollis bei „Lene“ Faber. Denn in die TV-Serie „Einsatz in Manhattan" lutschte Hauptdarsteller „Kojak“ besagte Lollis und einer seiner Lieblingsworte war auch bei uns damals vor dem Verzehr der kugelrunden Lollis in aller Munde: „Entzückend !“

Die Themen vor der Haustür bei „Lene“ Faber kreisten meistens um Mädchen und die alles entscheidende Frage, wer, mit wem, seit wann, „geht“ und ein Liebespaar war. Für heutige Jugendliche vielleicht unvorstellbar: Man nahm sich viel Zeit für ein Gespräch oder den aktuellen Schultratsch: 

Kein Handy, keine SMS und kein Anruf störten den jugendlichen Dialog. Die gesellschaftliche Unterhaltung in der Pubertät blieb von diversen Klingeltönen in den 70er-Jahren gänzlich verschont. Selbstverständlich kreisten die Gespräche bei den Mofa- und Mokick-Besitzern auch um die „Karre“ oder den „Hobel“, den man gerade mit oder ohne Führerschein sein eigen nannte. Von besonderem Interesse waren die Antworten auf die Fragen, wer, wenn und wann auf dem Schulweg oder auf der Fahrt zur Disco „versägt“ und mit angelegten Ohren rasant beim wilden Mofa-Rennen überholt hatte. Richtig eng und laut wurde es dann, wenn sich alle auf einmal auf die Mofas und Mokicks setzen und ihre Zweitaktmotoren aufheulten: Ohrenbetäubender Zweitaktlärm und blaue Wolken  zogen wie ein Sturm durch die Feldstraße. Wer am schnellsten um die Ecke fuhr oder mal wieder verbotener Weise auf dem Bürgersteig Fußgänger in der Bardowicker Siedlung vorsätzlich erschreckte, konnte man jederzeit ohne große Probleme erkennen, denn eine Helmpflicht für Mofa-Fahrer gab es damals nicht.

Bei der  Bäckerei GADE, nahm einen schon im Kindesalter der rotlackierte Kaugummi-Automat an der Wand des Geschäfts gefangen. Denn hier gab es nicht nur Kaugummikugeln für einen Groschen, Nein, wenn man Glück und noch mehr Groschen hatte, konnte man sich einen goldenen „Siegelring“ aus dem Automaten ziehen und ihn stolz aufsetzen.

 

Foto: Albert Alten


Plastik-Siegelringe aus dem Kaugummi-Automaten seiner Kindheit für weniger als eine Mark waren für einen kurzen Lebensabschnitt kurz vor dem 10. Geburtstag der Renner an so manchem Kinderfinger, der zusätzlich noch mit blauer Füllerfarbe aus dem Schulunterricht vom Vormittag verschmiert war. Beruhigend zu wissen ist, dass dieser Kaugummi-Automat aus der Kindheit noch heute in der Feldstraße an der Wand der Bäckerei hängt. Einfach mal ein paar Cent riskieren und schon hat man preiswert einen Siegelring erworben - vielleicht.

Beliebte Backwaren beim Bäcker GADE waren zunächst einmal die Matsch-Brötchen für kleines Taschengeld. Ein frisches Brötchen wurde aufgeschnitten und zwischen den beiden Hälften wurde ein Neckerkuss (neudeutsch und politisch korrekt: Mohrenkopf) zusammengedrückt. Ein Gaumenschmaus für deutlich weniger als 1 Mark. In die engere Auswahl kamen auch die Marzipan-Rollen. Ein Genuss mit viel Marzipan, Schokolade, Sahne und einer Füllung. Heute gar nicht mehr im Angebot -  waren die so genannten „Schiffchen“. Das waren Kuchenstücke, die wie kleine Schiffe geformt waren und die als Schornstein ein kleines Sahnehäubchen hatten. Doch nicht nur Kuchen, Kekse, Brötchen und Milch waren in den frühen 70er-Jahren ein Grund „zum Bäcker zu gehen“. Die Sammelleidenschaft packte die schulpflichtigen Kinder in der Siedlung. Selbstklebende Abziehbilder mit dazugehörigen Album brachten das Taschengeld zum Schmelzen– wie wohl in jeder Kindergeneration.

Die gesammelten Motive landeten aber nicht nur im Sammelalbum. An den Fahrrädern klebten die kleinen bunten Bildchen auf den Lenkstangen, an den Schmutzfängern oder an den Schutzblechen bis der Chrom nicht mehr zu sehen war.

Es war auch die Zeit der Pop- und Beatgruppen, die auf den kleinen Sammelbildern präsentiert wurden. Einen Höhepunkt der Sammelleidenschaft waren die Autobilder. Alltagsautos, Traumwagen aus Europa und der Welt, futuristische Zukunftsmodelle und die amerikanischen Straßenkreuzer wurden gesammelt, bis der letzte Groschen beim Bäcker über den Verkaufstresen gewandert war. Motive, die doppelt oder dreifach vorhanden waren, wurden spontan vor dem Bäckerladen getauscht.  Ein seltenes Automotiv kostete schon mal einen Extra-Groschen.

Last but not least gab es im Vögelser Weg noch den (neudeutsch) Tante-Emma-Laden HINRICHS. Auf engstem Raum gab es hier vom Brot, über die Wurstkonserve bis hin zum Fertiggericht alles, was in so einen kleinen Kaufmannsladen gehörte. Große Einkaufswagen gab es hier nicht. Ein kleiner Einkaufskorb musste genügen. Auch in diesem traditionellen Kaufmannsladen konnte man der Sammelleidenschaft frönen:


Foto: Verlag Otto, KIel

Hier gab es Sammelbilder aus der TV-Erfolgsserie BONANZA. Einer Westernserie, die mit Ben Cartwright und seinen drei Söhnen Adam, Joe und Hoss auch in der Bardowicker Siedlung zu den TV-Strassenfegern gehörte. Das Sammelbild mit dem Motiv der langsam von innen nach außen brennenden Landkarte von Virgina City und der Ranch „Ponderosa“ war besonders beliebt.

Von dieser Einkaufskultur der frühen 70er-Jahr in der Siedlung ist nicht viel übrig geblieben. Heute gibt es nur noch die Bäckerei in der Feldstraße und im ehemaligen Tante-Emma-Laden im Vögelser Weg wird Fast-Food-Essen angeboten. Das war's. Wie sich die Einkaufsgewohnheiten doch ändern können im Laufe der Jahre ?