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In der Bardowicker Wohnsiedlung hinterm
Bahnhof gab es in den 70er-Jahren eine bunte Einkaufsmeile. Ein Fleischer,
ein Schreibwarenladen, ein kleiner Kiosk, ein Bäcker und ein
„Tante-Emma-Laden“ boten viel Einkaufsspaß und so manches Gespräch unter
Nachbarn. Aber der Reihe nach:
In der Feldstraße waren Fleischer MOHR und der Schreibwarenladen ZWICKIES
unter einem Dach. Tür an Tür, keinen Meter räumlich voneinander getrennt,
gab es auf der linken Seite alles, was ein Fleischereifachgeschäft im
Angebot hat und auf der rechten die Utensilien eines
Schreibwarengeschäftes mit reichlich Zusatzangeboten. Der kleine
Fleischerladen hatte noch nicht die große Unübersichtlichkeit, wie sie
heute in Großmärkten an meterlangen Tresen üblich ist. Doch uns Kinder
interessierte nicht das Kotelett oder die Aufschnitt. Unser großer Moment
kam, wenn der Einkauf bezahlt wurde.
Wenn alles beglichen war und die Wochenendration Fleisch in
Einkaufsbeuteln (keine Plastiktüten!) verstaut war, gab es ein kleine
Bockwurst über den Einkaufstresen gereicht oder es gab mal eine Bockwurst,
die uns Kindern von der Verkäuferin geschenkt wurde. Manchmal war es ein
leckeres Stück Fleischwurst. Natürlich abgepellt und zum Anbeißen fertig
in die Hand. Ein kulinarischer Genuss aller erster Güte zum Nulltarif. Es
erübrigt sich, anzumerken, dass man mit weit über 40 Lebensjahren,
vergeblich darauf warten kann, ein ähnliches Präsent vom Fleischer
offeriert zu bekommen. Dennoch gut zu wissen, dass es das es im
Bardowicker Ortskern dieses Fleischerfachgeschäft mit eigener
Hausschlachterei noch heute gibt.
Beim Schreibwarengeschäft ZWICKIES, gleich nebenan, waren
neben den üblichen Schreibutensilien für die Schule die Spielsachen und
Zeitschriften ein Magnet für uns Kinder und Jugendliche. Angefangen von
den bunten Walt Diseny-Mickey-Mouse-Heften bis hin zu den Supermann-Comics
und den in den 70er-Jahren beliebten ZACK-Comics. Die ZACK-Hefte
boten jede Woche Spaß, Spannung und Abenteuer im Vierfarbdruck und
kosteten 1,50 Deutsche Mark. Die Helden waren unter anderem der
Westernheld „Lucky Luke“ „Leutnant Blueberry“ oder der Rennfahrer „Michel
Vaillant“. Heute allesamt weltbekannte Klassiker unter den Comics. All
diese Abenteuer gab es bei „Elli“, wie die Ladeninhaberin liebevoll und
mit der Vorliebe für Kosenamen in der Jugendsprache genannt wurde.

Foto: Albert Alten
Sehr beliebt waren auch die Bastelbausätze aus Plastik der Firmen REVELL
und AIRFIX. Angefangen von kleinen Cowboy- und Indianerfiguren bis hin zu
den Auto- und Motorradmodellen. Bei den Schiffsmodellen waren die
Kriegsschiffe aus dem Zweiten Weltkrieg sehr beliebt als Bausätze. Sie
wurden mit viel Akribie zusammengeklebt und nicht etwa im Regal dem
Kinderzimmerstaub vorsätzlich ausgesetzt. Nein, nach Schulschluss ging es
in den Landwehrwald an den Bach. Hier mussten die „Bismarck“, die
„Tirpitz“ und die „Scharnhorst“ und all die anderen Schlachtschifflegenden
beweisen, dass sie wenigstens als Modelle „unsinkbar“ waren und die
Bastelmühen nach Abschluss der Schularbeiten nicht umsonst waren.
Mit zunehmendem Alter gerieten die Spielsachen und Modelle immer mehr aus
dem Blickfeld und die damals schon sehr beliebte Jugendzeitschrift BRAVO
wurde der Renner unter den Jugendzeitschriften. Jeden Donnerstag ging es
zu „Elli“ in die Feldstraße - die BRAVO kaufen. Mit dem druckfrischen
Exemplar saß man auf den Stufen vor dem Geschäft und blätterte das Heft
sorgsam durch. Neuigkeiten über Stars, Sternchen, Klatsch und Tratsch aus
der Pop- und Musikszene wurden im Geiste aufgezogen, wie ein Schwamm das
Wasser in sich aufsaugt. Fragen nach den Veränderungen in den Plätzen der
internationalen Hitparaden wurden nicht selten mit einem Kopfschütteln zur
Kenntnis genommen, wenn die persönliche Lieblingsband mal zwei Plätze
absackte oder in den Top-Ten nicht mehr aufgeführt wurde. Gern gelesen
wurden auch die Reportagen über die neuen Autos der Stars: Udo Jürgens in
einem weißen 600er Mercedes oder „ Der Kommissar“ (Schauspieler Erich Ode)
in seinem nagelneuen Ro 80 mit Wankelmotor. Das gleiche Modell fuhr
übrigens in den frühen 70er-Jahren auch unser Fleischer MOHR.
Ebenso freute man sich, wenn in der BRAVO endlich die Lieblingspopgruppe
in Lebensgröße an die Wand geklebt werden konnte. Die BRAVO-Starschnitte
wurden mit der gleichen Liebe zum Detail gesammelt und zusammengeklebt wie
die Schiffsmodelle. Der Autor dieser Zeilen hat noch heute einen
Original-BRAVO-Starschnitt an der Tür zu seinem Jugendzimmer: Marilyn
Monroe aus dem Jahr 1978. Die kleinen Portrait-Poster aus der BRAVO
landeten übrigens in wechselnder Abfolge hinter die durchsichtigen
Schutzfolien des Lesebuches, der Mathematik-Fibel. Es war an Mode, unter
Bardowicker Schülern, seine Schulbücher aus dem Schulranzen zu holen und
stolz den Schock-Rocker Alice Cooper mit Bierdose oder einen anderen Star
auf dem Buchrücken zu präsentieren. Je auffälliger, desto besser.
Bevor es in der Feldstraße zu „Bäcker Gade“ ging, gab es fast immer noch
einen Zwischenstopp bei „Lene“ FABER in der Feldstraße. Sie besaß gleich
im Eingang ihres Hauses einen kleinen Schrank mit Zigaretten, Süßigkeiten
und all den Kleinigkeiten, die man als Jugendlicher so brauchte: Waffeln,
Weingummi, Zigaretten oder bei knapper Kasse ein Päckchen Tabak mit
dazugehörigen Blättchen zum Selbstdrehen. Aus dem Keller holte sie auf
Wunsch und Bestellung Getränke mit und ohne Alkohol.
Dieser kleine Kiosk war Nachmittags - und Sonntags ganz besonders –
beliebter Treffpunkt, um einen halben Liter Cola zu trinken oder besagte
Süßigkeiten zu konsumieren. Auf dem Treppenabsatz saß man zwanglos rum
oder machte es sich auf seiner Mofa auf dem Gepäckträger gemütlich.
Natürlich mit der gewohnten Lässigkeit eines pubertierenden Jugendlichen.
Sehr gefragt waren Mitte der 70er-Jahre die nach Lakritz schmeckenden
Lollis bei „Lene“ Faber. Denn in die TV-Serie „Einsatz in Manhattan"
lutschte Hauptdarsteller „Kojak“ besagte Lollis und einer seiner
Lieblingsworte war auch bei uns damals vor dem Verzehr der kugelrunden
Lollis in aller Munde: „Entzückend !“
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Die Themen vor der Haustür bei „Lene“
Faber kreisten meistens um Mädchen und die alles entscheidende Frage, wer,
mit wem, seit wann, „geht“ und ein Liebespaar war. Für heutige Jugendliche
vielleicht unvorstellbar: Man nahm sich viel Zeit für ein Gespräch oder
den aktuellen Schultratsch:
Kein Handy, keine SMS und kein Anruf störten den jugendlichen Dialog. Die
gesellschaftliche Unterhaltung in der Pubertät blieb von diversen
Klingeltönen in den 70er-Jahren gänzlich verschont. Selbstverständlich
kreisten die Gespräche bei den Mofa- und Mokick-Besitzern auch um die
„Karre“ oder den „Hobel“, den man gerade mit oder ohne Führerschein sein
eigen nannte. Von besonderem Interesse waren die Antworten auf die Fragen,
wer, wenn und wann auf dem Schulweg oder auf der Fahrt zur Disco „versägt“
und mit angelegten Ohren rasant beim wilden Mofa-Rennen überholt hatte.
Richtig eng und laut wurde es dann, wenn sich alle auf einmal auf die
Mofas und Mokicks setzen und ihre Zweitaktmotoren aufheulten:
Ohrenbetäubender Zweitaktlärm und blaue Wolken zogen wie ein Sturm
durch die Feldstraße. Wer am schnellsten um die Ecke fuhr oder mal wieder
verbotener Weise auf dem Bürgersteig Fußgänger in der Bardowicker Siedlung
vorsätzlich erschreckte, konnte man jederzeit ohne große Probleme
erkennen, denn eine Helmpflicht für Mofa-Fahrer gab es damals nicht.
Bei der Bäckerei GADE, nahm einen schon im Kindesalter der rotlackierte
Kaugummi-Automat an der Wand des Geschäfts gefangen. Denn hier gab es
nicht nur Kaugummikugeln für einen Groschen, Nein, wenn man Glück und noch
mehr Groschen hatte, konnte man sich einen goldenen „Siegelring“ aus dem
Automaten ziehen und ihn stolz aufsetzen.

Foto: Albert Alten
Plastik-Siegelringe aus dem Kaugummi-Automaten seiner Kindheit für weniger
als eine Mark waren für einen kurzen Lebensabschnitt kurz vor dem 10.
Geburtstag der Renner an so manchem Kinderfinger, der zusätzlich noch mit
blauer Füllerfarbe aus dem Schulunterricht vom Vormittag verschmiert war.
Beruhigend zu wissen ist, dass dieser Kaugummi-Automat aus der Kindheit
noch heute in der Feldstraße an der Wand der Bäckerei hängt. Einfach mal
ein paar Cent riskieren und schon hat man preiswert einen Siegelring
erworben - vielleicht.
Beliebte Backwaren beim Bäcker GADE waren zunächst einmal die
Matsch-Brötchen für kleines Taschengeld. Ein frisches Brötchen wurde
aufgeschnitten und zwischen den beiden Hälften wurde ein Neckerkuss
(neudeutsch und politisch korrekt: Mohrenkopf) zusammengedrückt. Ein
Gaumenschmaus für deutlich weniger als 1 Mark. In die engere Auswahl kamen
auch die Marzipan-Rollen. Ein Genuss mit viel Marzipan, Schokolade, Sahne
und einer Füllung. Heute gar nicht mehr im Angebot - waren die so
genannten „Schiffchen“. Das waren Kuchenstücke, die wie kleine Schiffe
geformt waren und die als Schornstein ein kleines Sahnehäubchen hatten.
Doch nicht nur Kuchen, Kekse, Brötchen und Milch waren in den frühen
70er-Jahren ein Grund „zum Bäcker zu gehen“. Die Sammelleidenschaft packte
die schulpflichtigen Kinder in der Siedlung. Selbstklebende Abziehbilder
mit dazugehörigen Album brachten das Taschengeld zum Schmelzen– wie wohl
in jeder Kindergeneration.
Die gesammelten Motive landeten aber
nicht nur im Sammelalbum. An den Fahrrädern klebten die kleinen bunten
Bildchen auf den Lenkstangen, an den Schmutzfängern oder an den
Schutzblechen bis der Chrom nicht mehr zu sehen war.
Es war auch die Zeit der Pop- und Beatgruppen, die auf den kleinen
Sammelbildern präsentiert wurden. Einen Höhepunkt der Sammelleidenschaft
waren die Autobilder. Alltagsautos, Traumwagen aus Europa und der Welt,
futuristische Zukunftsmodelle und die amerikanischen Straßenkreuzer wurden
gesammelt, bis der letzte Groschen beim Bäcker über den Verkaufstresen
gewandert war. Motive, die doppelt oder dreifach vorhanden waren, wurden
spontan vor dem Bäckerladen getauscht. Ein seltenes Automotiv kostete
schon mal einen Extra-Groschen.
Last but not least gab es im Vögelser Weg noch den (neudeutsch)
Tante-Emma-Laden HINRICHS. Auf engstem Raum gab es hier vom Brot, über die
Wurstkonserve bis hin zum Fertiggericht alles, was in so einen kleinen
Kaufmannsladen gehörte. Große Einkaufswagen gab es hier nicht. Ein kleiner
Einkaufskorb musste genügen. Auch in diesem traditionellen Kaufmannsladen
konnte man der Sammelleidenschaft frönen:

Foto: Verlag Otto, KIel
Hier gab es Sammelbilder aus der
TV-Erfolgsserie BONANZA. Einer Westernserie, die mit Ben Cartwright und
seinen drei Söhnen Adam, Joe und Hoss auch in der Bardowicker Siedlung zu
den TV-Strassenfegern gehörte. Das Sammelbild mit dem Motiv der langsam
von innen nach außen brennenden Landkarte von Virgina City und der Ranch „Ponderosa“
war besonders beliebt.
Von dieser Einkaufskultur der frühen 70er-Jahr in der Siedlung ist nicht
viel übrig geblieben. Heute gibt es nur noch die Bäckerei in der
Feldstraße und im ehemaligen Tante-Emma-Laden im Vögelser Weg wird
Fast-Food-Essen angeboten. Das war's. Wie sich die Einkaufsgewohnheiten
doch ändern können im Laufe der Jahre ?
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