Western-Fort in der Bardowicker Siedlung
Text und Fotos: Albert Alten

Wer heute die Rathmann-Cohrs-Straße in Bardowick entlang fährt, spürt auch hier den demografischen Wandel in Deutschland im 21. Jahrhundert: Fast keine Kinderstimmen, alles ruhig und kein Laut stört die Idylle in dieser Straße. Selbst der Kinderspielplatz ist verwaist und versteckt sich hinter einem Zaun. Ein Blick auf den Spielplatz zeigt, daß auch hier keine Ruhestörung zu befürchten ist. Vereinzelt spielen dort zwei oder drei Kinder in der Sandkiste oder schaukeln - natürlich fast immer in Begleitung ihrer Eltern. Jedes vorbeifahrende Auto erzeugt mehr Lärm als dieser unscheinbare Kinderspielplatz.

Das war mal anders. Vor mehr als 35 Jahren wurde hier ein richtiges Fort im Western-Stil mit einem Blockhaus gebaut.  Das Projekt wurde 1972 Wirklichkeit. Auf dem 2100 Quadratmeter großen Gelände im Wohngebiet Vögelser-Kamp West wurde ein Abenteuerspielplatz gebaut. Die Gesamtkosten betrugen 40.000 D-Mark. Allein 5000 D-Mark kamen damals durch Spenden der Anwohner zusammen. Bei der Eröffnung 1972 spielte der Bardowicker Spielmannszug. Es gab ein Fest mit Bratwurst und Getränken und in den Abendstunden leuchteten Lampions und Laternen am Blockhaus. Dieses Western-Fort entsprach dem alten Wunsch der Siedlergemeinschaft, den dieser schon zu Beginn der 70er-Jahre lautstark geäußert hatte.  

Schon Mitte der 70er-Jahre spielten hier immer weniger Kinder mit ihren Rollern oder im Sand. Selbst Pferde wurden in diesem Fort nie gesehen oder vor dem Blockhaus angebunden. Statt dessen nahmen die Baby-Boomer der 60er-Jahre das Fort mit ihren Mofas, Mopeds, Mokicks und Kleinkrafträdern in Beschlag. Im Blockhaus wurden die ersten heimlichen Zigaretten geraucht und die erste junge Liebe unter Jugendlichen aus der Bardowicker Siedlung oder aus dem Dorf nahm hier mit einem zarten Kuss ihren Anfang. Begleitet von unzähligen Zigarettenkippen und jeder Menge Dreck auf dem Spielplatz. Auf dem Gelände drehten besagte 50ccm-Mopeds und Mofas ihre Runden im Sand oder übten sich, wie der Autor dieser Zeilen, in wilden Burn-Outs und ließen den Sand mal so richtig bei durchdrehenden

Hinterreifen durch die Luft oder ins Blockhaus wirbeln.

Immer öfter brannte auch mal ein Autoreifen im Fort am Lagerfeuer oder ein Kasten Bier wurde nach durchzechter Nacht am Wochenende einfach stehen gelassen. Im Polizeideutsch hieß das auch damals: "Die öffentliche Sicherheit und Ordnung ist durch das Western-Fort gefährdet." Scherben lagen täglich auf dem Gelände wie wild entsorgter Müll herum, Schlägereien gab es in schöner Regelmäßigkeit und die örtliche Polizeistreife war nicht selten vor Ort, wenn es mal wieder richtig laut wurde oder Nachbarn sich über den Krawall im Fort beschwerten. Es war eine wilde Zeit und so manch einer im Gemeinderat sah diesem Treiben mit Argwohn zu.  Die Exzesse und Saufgelage im Western-Fort brachten den Abenteuerspielplatz schnell in Verruf  Von Sandkastenspielen oder Cowboy-und-Indianer-Abenteuern war gegen Ende der 70er-Jahre schon lange keine Rede mehr auf diesem Abenteuerspielplatz.

Irgendwann zu Beginn der 80er-Jahre waren die Baby-Boomer damit beschäftigt, eine berufliche Ausbildung zu beginnen oder sich eine Universität von innen anzuschauen oder legten sich bei der Familienplanung mächtig ins Zeug. Das 2100 Quadratmeter Areal verdreckte immer mehr und das Western-Fort verlor für immer seinen exotischen Reiz. Keiner merkte richtig, wann es abgerissen wurde oder nahm ernsthaft Notiz davon, als das Fort mit samt Blockhaus dem Erdboden gleich gemacht wurde. Es gab auch keinen Spielmannszug oder gar ein Volksf hilfgeest, der den Abriss musikalisch begleitete. Das Fort verschwand still  und war doch einer der wildesten Orte in  den nicht minder wilden 70er-Jahren in Bardowick