Bardowicker Kneipen die es nicht mehr gibt
von Albert Alten

Über einen Besitzerwechsel im Gaststättengewerbe lohnt es sich in unseren schnelllebigen Zeiten nicht zu berichten. Wenn aber Gaststätten, noch dazu in Bardowick, für immer aus dem Gedächtnis verschwinden, weil es sie schlichtweg nicht mehr gibt, gilt es, sich zu erinnern. Anfang der 70er-Jahre gab es in Bardowick sage und schreibe zehn (!) Gaststätten inklusive der kleinen Gaststätte im Bardowicker Schwimmbad, das jeweils in der Sommer-Saison vom 1. Mai bis zum 30 September geöffnet hatte.

Wer heute durch Bardowick fährt, wird von dieser Vielfalt dieser tollen Kneipenkultur nichts mehr vorfinden. Die meisten Besucher zur damaligen Zeit hatte das Gasthaus "Zur Ilmenau" mit seiner Disco. Das heute noch bestehende Haus wurde 1896 erstmalig als Gaststätte gebaut. Unvergessen bleiben die Disco-Abende mit "DJ Douglas" und die vielen nationalen und internationalen Gäste:  Ob die legendäre "George Baker Selection" (Hit: "Paloma Blanca") oder Rex Gildo (Hit: "Fiesta Mexikana"), sie waren damals in Bardowick zu Gast. Bis zu weit über 1000 Gäste wurden in den Glanzzeiten in diesem Lokal gezählt. Beliebte Getränke unter den jungen Leuten waren zu jener Zeit die Mixgetränke: Cola-Rum, Whisky-Bitter-Lemon, Wodka-Lemon oder der Klassiker "Korn mit Orangensaft". An Tagen ohne Stars und Sternchen und Disco  kostete ein Glas Bier in der  Gaststätte 0,60 DM (nicht Teuro!!!) und der Doppelkorn ging für 0,80 DM über den Tresen. Die Ilmenau vor der Gaststätte war leider auch ein Anziehungspunkt für skurrile Autounfälle. Noch 1973 fuhr ein Auto auf direktem Weg in den Fluss und unter Wasser brannten die Scheinwerfer munter weiter.

Auch das "Rasthaus Bardowick" gibt es nicht mehr. Nicht mal mehr das Gebäude steht heute noch (sie he BARDOWICKER JOURNAL 2006). Im Volksmund hieß es immer: "Wir gehen zu Erb." Denn Herbert und Sohn Uwe Erb übernahmen im denkwürdigen Jahr 1968, als die Studenten an deutschen Universitäten auf den Straßen demonstrierten und Autos brannten, dieses Rasthaus. Direkt an der ehemaligen Bundesstraße 4 gelegen, parkten hier oftmals bis zu 7 Reisebusse am Tag (!). Oder Prominente wie der SPD-Politiker Herbert Wehner kehrten hier ein. Unvergessen für viele  Bardowicker bleibt in dieser Gaststätte der Kellner Henry Kasteinecke, der auf Platt-Deutsch so manche Anekdote über Bardowick hier zum Besten gab. Selbst als der damals neue VOLVO-Autosalon der Firma "Adolf Dietz & Co" eröffnete, fanden sich prominente Gäste wie Armin Dahl (Ehrlich: Wer kennt diesen Star heute noch?) "bei Erb" ein. Unvergessen bleiben gerade für die älteren Bardowicker unter uns (der Autor dieser Zeilen ist gebürtiger Bardowicker) die vielen Geburtstagsfeiern unseres ebenso unvergessenen Dr. Walter Quast im "Rasthaus Bardowick" Mit der hässlichen Bahnunterführung in den 80er-Jahren wurde nicht nur die 1936 gegründete Siedlung vom Dorfkern getrennt, sondern es verschwanden auch für immer zwei nicht nur bei den Landwirten bekannte Gaststätten: Das "Gasthaus Ewald" fiel dem Autobahnbau genauso zum Opfer wie die "Bahnhofsgaststätte".

Ersteres wurde in den 20er-Jahren (!) des vorherigen Jahrhunderts eingerichtet und war das  Stammlokal für die Siedlergemeinschaft und die Bardowicker Sozialdemokraten (SPD). Selbst Mitarbeiter der "Schulenburg-Betriebe" tranken nach Feierabend hier ihr Bier. Dorothea Ewald und Helmi Stallbaum konnten wunderbar kochen und zauberten immer einen Leckerbissen für die Gäste. Der Autor dieser Zeilen schwärmt noch heute von seinem Lieblingsgericht im "Gasthaus Ewald": Currywurst mit Pommes Frites und viiiiiiel Ketchup ! Als kleiner "Verteiler" diente nicht selten ein Doppelkorn und der kostete 1970 gerade mal 0,70 DM. An kalten Wintertagen schmeckte der Rumgrog für 1,30 DM viel besser als so manche Erkältungstablette.

Auch gern besucht und zwar nicht nur von den Bardowicker Landwirten wurde die Bahnhofsgaststätte, deren damalige Inhaberin Gertrud Sander "ihren Laden voll im Griff" hatte. Zusammen mit ihrem Ehemann übernahm sie das damalige Eigentum der Deutschen Bundesbahn im März 1967 zu einer festen Erbpacht. Durchreisende, Eisenbahner und Bauern aus dem Bruch kehrten hier gern ein. Nicht selten standen vor der Gaststätte die damals bekannten Deutz-Trecker oder die hellgrünen Unimogs. die von uns Kindern bewundern wurden - und dass nicht wegen ihrer Größe und verschmutzen Riesenreifen. Besondere Lieblinge des Autors waren der grüne Deutz-Trecker D 50 mit seiner kugelrunden Motorhaube und seinen knallroten Felgen oder der legendäre Unimog U 406. Heute sehr gern gesehene Klassiker auf den hiesigen Oldtimertreffen. Wer damals die gutbürgerliche Küche genießen wollte, ging in jenen Tagen "zu Gertrud Sander". Pferdesteak und selbst gekochtes Sauerfleisch waren ihre Spezialitäten. Der "halbe Hahn mit Pommes" war er die Nummer Eins für uns Baby-Boomer bevor wir in die Bardowicker Disco an die Ilmenau zu "DJ Douglas" und seinen Plattentellern samt Mischpult zogen.

Im Bardowicker Dorfkern gab es die "Gaststätte Stöber". Wer hier her kam, war trinkfest und ein geselliger Zeitgenosse. Denn alle sechs Wochen wurden für die Gäste 100 Liter (!) Korn benötigt. Im Oktober 1952 hatte die Familie Stöber übernommen. Gertrud Stöber bemerkte schon in den frühen 70er-Jahren, dass der   Konsum von Flaschenbieren deutlich zugenommen habe. Also keine Erfindung der Neuzeit im 21. Jahrhundert, sondern  eine alte Tradition - nicht nur in Bardowick. Übrigens: Selbst ein Kino beherbergte Bardowick in diesem Gebäude. Und wer von den Baby-Boomern erinnert sich nicht gern an die ersten "Dick-und Doof"-Kinofilme an den Sonntagen im Bardowick der späten 60er-Jahre?

Tja, all das ist lange her und liegt mehr als vierzig Jahre zurück und ist für viele, die ihr Leben und die Zeit nicht  in profanen Jahren messen, dennoch so, als hätte es sich gestern erst zugetragen. Die Welt von  „Gestern“ bleibt eben für manche, der sie in jungen Jahren in ihrer Heimat bewusst erlebt haben, eine kleine Gegenwart in den Gedanken und Erinnerungen.