Konfirmation in den bunten 70er-Jahren     von Albert Alten

In den Club der Erwachsenen wird man bekanntlich erst aufgenommen, wenn man konfirmiert ist. In den bunten 70er-Jahren war das nicht anders. Irgendwann an einem Nachmittag hieß es: „Du musst zum Konfirmandenunterricht." Die Jungen und Mädchen trafen sich vor dem Bardowicker Dom. Auf dem Geländer eines Lebensmittelgeschäftes der Handelsmarke EDEKA hockten die Babyboomer wie bunte Vögel auf der Eisenstange des Geländers und starrten auf die Eingangstür des Domes, obwohl der Unterricht in einem Raum des Gemeindehauses erteilt wurde. Mit reichlich Süßigkeiten und der einen oder anderen Flasche Coca Cola vertrieb man sich die kurze Zeit vor dem Unterrichtsbeginn.

Unser Gottesdiener hieß „Pastor Schuster" und war noch eine richtige Autoritätsperson , insbesondere dann, wenn er von der Kanzel herunter zur Gemeinde sprach. Mal mit freundlichem Blick, mal mit ernstem Blick – je nach dem, welche Bibelpassage gerade zitiert wurde. Auf dem Kopf hatte er nur noch wenig Haare. Aber das interessierte damals keinen. Aus seinem Munde wollten wir die Worte Gottes und Zitate aus der Bibel vernehmen.

Wer als renitenter Störer im Unterricht auffiel, bekam auch schon mal eine leichte „Backpfeife" (Ohrfeige) oder wurde an den Ohren in die Höhe gezogen und vor allem leise, aber deutlich von Pastor Schuster darauf aufmerksam gemacht, dieses „alberne Verhalten" abzulegen. Im Wiederholungsfall bekam man die Chance, sich das Gemeindehaus von draußen anzuschauen und wurde kurzerhand mit Gottes Segen vor die Tür gesetzt. Es blieben Einzelfälle. Denn jeder wollte ohne großes Aufsehen konfirmiert werden.

Für viele war der Unterricht die erste Berührung mit einem Gesangbuch oder gar der Bibel und dem Neuen Testament. Doch in der ersten Stunde kamen die Buntstifte auf den Tisch. Pastor Schuster erklärte der Dorfjugend den Unterschied zwischen einer im romanischen und einer im gotischen Baustil errichteten Kirche.

Selbst Begriffe wie „Zentralbau" oder „Backsteingotik" hört der Autor dieser Zeilen noch Heute aus dem Munde unseres Pastors. Begriffe, die so manchem Erwachsenen, der nicht das Glück hatte, in Bardowick konfirmiert zu werden, weniger bekannt sind, wenn er nicht gerade Architektur oder Religion studiert hat.

Zum Dasein eines Konfirmanden gehörte auch, dass man als 13- oder 14-Jähriger Sonntags am Kindergottesdienst in einem der Seitenschiffe des Domes teilnahm. Diese Teilnahme wurde in einem kleinem Heftchen mit dünnem Schutzumschlag dokumentiert. Diese Anwesenheitsvermerke dienten später als Beleg dafür, konfirmiert zu werden oder auch nicht. Der Hinweis, bei mehrmaligem „Schwänzen" des Kindergottesdienstes nicht konfirmiert zu werden, wurde ernst genommen. Fast keiner glänzte während dieser Zeit durch permanente Abwesenheit.

Immerhin ging es am Tag der Konfirmation um viel Geld und viele Geschenke von den Verwandten und Bekannten. Diesen kleinem Reichtum wollte sich keiner entgehen lassen. Auch das erste oder zweite Gläschen Wein oder Schnaps im Kreise der Erwachsenen waren Ansporn genug, den Kindergottesdienst fast regelmäßig zu besuchen. Und ein wenig Bibelfestigkeit im Alltag konnte auch nicht schaden

Wenige Tage vor der Konfirmation ging es unter der vergoldeten Skulptur Heinrichs des Löwen vor dem Bardowicker Dom auf ein Metall-Holz-Gerüst zum obligatorischen Gruppenfoto. Den Begriff „Foto-Shooting" gab es damals in unserem Sprachgebrauch noch nicht. Die jungen Damen saßen vorn und die Herren der Schöpfung standen in einer Dreierreihe dahinter (siehe Foto).

Das legendäre Konfirmationsfoto hat wohl jede Generation noch im Stubenschrank oder auf dem Dachboden wohl behütet aufbewahrt. Doch wer da glaubt, diese Fotos vor dem Dom sehen irgendwie alle fast gleich aus, der irrt gewaltig. In den 70erJahren trugen die Jungen manchmal längere Haare als die Mädchen oder liefen in Schuhen mit noch höheren Plateausohlen. Das war schrill, bunt und entsprach dem damaligen Zeitgeist.

Die Ohren waren zu jener Zeit als Körperteile des Kopfes fast gänzlich von einer langen Haarpracht verdeckt. Nur bei wenigen männlichen Konfirmanden konnte man die Ohrenläppchen überhaupt sehen.

Wer hier einen Vergleich mit Mitgliedern der damaligen Pop-Gruppen und Rock-Bands zieht, liegt nicht falsch. Ob es die legendäre „Glitter-Band", die britische Pop-Gruppe „The Sweet" oder die „Rolling Stones"waren: Auf dem Gruppenfoto sahen viele Herren der Schöpfung wie berühmte Leadsänger oder Gitarristen dieser Bands aus.

Auch die Mini-Rock-Mode der frühen 70er Jahre schlich sich vereinzelt auf das Gruppenfoto. Wer genau hinschaue, konnte in den 70er-Jahren den einen oder anderen kurzen Rock vor dem Bardowicker Dom entdecken. Doch die überwiegende Mehrheit der jungen Damen trug „knielang", „wie sich das so gehörte und schickte" – damals.

Tja, als dann der große Tag der Konfirmation da war, überkam einen die Angst, vielleicht doch nicht alle zehn Gebote auswendig zu können oder entscheidende Passagen aus dem Neuen Testament im zarten Alter von 14 Jahren nicht ganz so verstanden zu haben. Geschweige denn, sinngemäß zitieren zu können. Immerhin saß man an diesem Sonntag nicht mehr gemütlich im Kindergottesdienst unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der anderen (erwachsenen) Kirchengemeindemitglieder.

Denn nichts war peinlicher, als auf eine Frage von Pastor Schuster gar nicht oder nur falsch vor der versammelten Kirchengemeinde antworten zu können. Man wäre lieber spurlos im Erdboden unter dem Dom versunken, als sich diese Blöße der Unwissenheit zu geben.

Aus diesem Grund kann es unserem Pastor Schuster nicht hoch genug angerechnet werden, dass er die wenigen falschen Antworten der aufgeregten Konfirmanden immer dahingehend interpretierte, dass der Kern der Antwort wohl richtig sei und nur die Formulierung ein wenig vom Originaltext in der Bibel abweiche.

Erst als die Portale des Domes sich öffneten und die Konfirmanden mit den wartenden Eltern und Verwandten im vorgewärmten Mittelklasseauto davonfuhren konnte man sagen. „Herr, es ist geschafft...ich bin Dein neues Kirchemitglied...laß' uns die Konfirmation ausgiebig feiern."