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Das Fahrradhaus Lohrs
gibt es seit einigen Jahren nicht mehr in der Pieperstraße. Dabei
war dieses kleine mittelständische Unternehmen über Jahrzehnte ein
Traditionsbetrieb für alles, was auf zwei Rädern unterwegs war. Vom
Dreirad bis zu PS-starken Motorradboliden aus Japan.
In den legendären 70er Jahren schwappte der weltweite Motorrad-Boom
nach Bardowick ins Fahrradhaus Lohrs. Die Dorfjugend wollte keine
Fahrräder mehr fahren und Teile des gesparten Konfirmationsgeldes in
ein Mofa investieren. Am Schaufenster des Fahrradhauses hatte viele
sich schon die Nase platt gedrückt.
Diese motorisierten Fahrräder waren Mitte der 70er Jahre der letzte
Schrei. Im Amtsdeutsch nannte man sie „Fahrräder mit Hilfsmotor“.
Allein in Deutschland wurden 1973 ca. 326000 Mofas und Mopeds neu
für den Verkehr zugelassen. Zum Vergleich: Die Zahl der neu
zugelassenen Motorräder betrug im selben Jahr nur 36 126 Stück.
Gekauft wurden die Mofas gern in Orange oder anderen bunten Farben.
Einige entschieden sich im Verkaufsraum des Fahrradhauses für ein
dezentes Blau. Ob Automatik-Getriebe oder Handschaltung: Mehr als 25
km/h waren nicht drin. Frisiert wurde allerdings „auf Teufel komm'
raus“, um die magische 40 km/h-Grenze schon im zarten Alter von 15
Jahren in einem ersten Geschwindigkeitsrausch zu überschreiten. Was
natürlich auch vor mehr als 30 Jahren schon verboten war.
Beliebt waren vor allem die Marken Hercules, Zündapp und Peugeot.
Ladenhüter gab es damals so gut wie keine. Beliebtete Mofas in
Bardowick zur damaligen Zeit waren die Modelle M 4 und M 5 der Marke
Hercules. Ohne Helm und Führerschein fuhr man stolz beim Sportverein
TSV Bardowick zum Fußballtraining vor oder parkte sein Mofa lässig
„bei Cohrs“ vor der Dorfdisco.
Schon nach einem Jahr ging es dann in die Fahrschule Kersten. Die
Führerscheinklasse Vier war mit 16 Jahren die Eintrittskarte für
noch mehr Fahrtwind jenseits des 25 km/h-Mofa-Limits. Denn im
Fahrradhaus Lohrs standen schon die Mopeds, Mokicks und sündhaft
teuren Kleinkrafträder im Schaufenster.
In dieser „Schnapsglas-Klasse“, wie sie im Volksmund hieß,
dominierten die Marken Hercules, Zündapp und die aus Österreich
stammende Marke KTM. Beliebt waren die Hercules-Modelle,
insbesondere die 50 RL, die KTM 50 Comet und die Zündapp-Modelle mit
und ohne Wasserkühlung, die es allerdings bei einem kleinen
Konkurrenzbetrieb im Ort gab. |
Es sah schon wild aus, wenn zehn oder
mehr von diesen Kleinkrafträdern mit mehr oder weniger frisierten
Auspuffanlagen vor den Elternhäusern im Ort mit ohrenbetäubendem
Lärm anrauschten.
Doch nur wenige
konnten sich diesen Traum erfüllen. Ein Lehrling (neudeutsch:
Auszubildender) des Fahrradhauses Lohrs erfüllte sich ihn und war
umringt von Fans und Neidern, wenn er vor dem Laden seinen
knallroten Flitzer zum Stehen brachte.
Keine zwei Jahre später stand schon das nächste Abenteuer auf zwei
Rädern in den Schaufenstern des Fahrradhauses: Motorräder der
japanischen Marke Suzuki mit Zwei- und Viertaktmotoren. Aber auch
Exoten, wie die mit einem Wankelmotor ausgestattete Hercules W 2000
glänzten mit viel Chrom und bunten Lacken vor dem Laden.
Das Neon-Plus-Ultra war in Bardowick die Suzuki GS 1000. Schon das
Original-Prospekt von damals versprach: „Mehr Sport. Mehr Spaß“ und
„222 km/h mit liegendem, und 202 km/h mit sitzendem Fahrer...“ Es
waren schon wilde Zeiten damals. Wenn auch nicht ohne Risiko. Der
Autor dieser Zeilen wurde bei voller Geschwindigkeit um die 100 km/h
von einem Trecker auf seiner KTM 50 RSW abrupt aus dem Sattel
katapultiert. Im Polizeibericht der Lünebuger Landeszeitung war
Anfang Mai 1978 wörtlich zu lesen: „Unter Trecker gefahren – Unter
einen Trecker fuhr ein 17jähriger Bardowicker mit seinem
Kleinkraftrad auf der Landstraße 234 bei Oldendorf (Luhe). Er hatte
beim Überholen übersehen, dass das landwirtschaftliche Fahrzeug nach
links abbiegen wollte. Bei dem Zusammenstoß brach sich der junge
Bardowicker ein Schulterblatt.“ Shit happens sometimes...kann man da
abschließend nur anmerken. |