Motorradboom in Bardowick    Text und Fotos von Albert Alten

Das Fahrradhaus Lohrs gibt es seit einigen Jahren nicht mehr in der Pieperstraße. Dabei war dieses kleine mittelständische Unternehmen über Jahrzehnte ein Traditionsbetrieb für alles, was auf zwei Rädern unterwegs war. Vom Dreirad bis zu PS-starken Motorradboliden aus Japan.

In den legendären 70er Jahren schwappte der weltweite Motorrad-Boom nach Bardowick ins Fahrradhaus Lohrs. Die Dorfjugend wollte keine Fahrräder mehr fahren und Teile des gesparten Konfirmationsgeldes in ein Mofa investieren. Am Schaufenster des Fahrradhauses hatte viele sich schon die Nase platt gedrückt.

Diese motorisierten Fahrräder waren Mitte der 70er Jahre der letzte Schrei. Im Amtsdeutsch nannte man sie „Fahrräder mit Hilfsmotor“. Allein in Deutschland wurden 1973 ca. 326000 Mofas und Mopeds neu für den Verkehr zugelassen. Zum Vergleich: Die Zahl der neu zugelassenen Motorräder betrug im selben Jahr nur 36 126 Stück.

Gekauft wurden die Mofas gern in Orange oder anderen bunten Farben. Einige entschieden sich im Verkaufsraum des Fahrradhauses für ein dezentes Blau. Ob Automatik-Getriebe oder Handschaltung: Mehr als 25 km/h waren nicht drin. Frisiert wurde allerdings „auf Teufel komm' raus“, um die magische 40 km/h-Grenze schon im zarten Alter von 15 Jahren in einem ersten Geschwindigkeitsrausch zu überschreiten. Was natürlich auch vor mehr als 30 Jahren schon verboten war.

Beliebt waren vor allem die Marken Hercules, Zündapp und Peugeot. Ladenhüter gab es damals so gut wie keine. Beliebtete Mofas in Bardowick zur damaligen Zeit waren die Modelle M 4 und M 5 der Marke Hercules. Ohne Helm und Führerschein fuhr man stolz beim Sportverein TSV Bardowick zum Fußballtraining vor oder parkte sein Mofa lässig „bei Cohrs“ vor der Dorfdisco.

Schon nach einem Jahr ging es dann in die Fahrschule Kersten. Die Führerscheinklasse Vier war mit 16 Jahren die Eintrittskarte für noch mehr Fahrtwind jenseits des 25 km/h-Mofa-Limits. Denn im Fahrradhaus Lohrs standen schon die Mopeds, Mokicks und sündhaft teuren Kleinkrafträder im Schaufenster.

In dieser „Schnapsglas-Klasse“, wie sie im Volksmund hieß, dominierten die Marken Hercules, Zündapp und die aus Österreich stammende Marke KTM. Beliebt waren die Hercules-Modelle, insbesondere die 50 RL, die KTM 50 Comet und die Zündapp-Modelle mit und ohne Wasserkühlung, die es allerdings bei einem kleinen Konkurrenzbetrieb im Ort gab.

Es sah schon wild aus, wenn zehn oder mehr von diesen Kleinkrafträdern mit mehr oder weniger frisierten Auspuffanlagen vor den Elternhäusern im Ort mit ohrenbetäubendem Lärm anrauschten.

Doch nur wenige konnten sich diesen Traum erfüllen. Ein Lehrling (neudeutsch: Auszubildender) des Fahrradhauses Lohrs erfüllte sich ihn und war umringt von Fans und Neidern, wenn er vor dem Laden seinen knallroten Flitzer zum Stehen brachte.

Keine zwei Jahre später stand schon das nächste Abenteuer auf zwei Rädern in den Schaufenstern des Fahrradhauses: Motorräder der japanischen Marke Suzuki mit Zwei- und Viertaktmotoren. Aber auch Exoten, wie die mit einem Wankelmotor ausgestattete Hercules W 2000 glänzten mit viel Chrom und bunten Lacken vor dem Laden.

Das Neon-Plus-Ultra war in Bardowick die Suzuki GS 1000. Schon das Original-Prospekt von damals versprach: „Mehr Sport. Mehr Spaß“ und „222 km/h mit liegendem, und 202 km/h mit sitzendem Fahrer...“ Es waren schon wilde Zeiten damals. Wenn auch nicht ohne Risiko. Der Autor dieser Zeilen wurde bei voller Geschwindigkeit um die 100 km/h von einem Trecker auf seiner KTM 50 RSW abrupt aus dem Sattel katapultiert. Im Polizeibericht der Lünebuger Landeszeitung war Anfang Mai 1978 wörtlich zu lesen: „Unter Trecker gefahren – Unter einen Trecker fuhr ein 17jähriger Bardowicker mit seinem Kleinkraftrad auf der Landstraße 234 bei Oldendorf (Luhe). Er hatte beim Überholen übersehen, dass das landwirtschaftliche Fahrzeug nach links abbiegen wollte. Bei dem Zusammenstoß brach sich der junge Bardowicker ein Schulterblatt.“ Shit happens sometimes...kann man da abschließend nur anmerken.