Lüneburg entdeckt den Nikolaihof neu   von Andreas Schmidt

(Foto bardowick.com)

Geschichte: Im Mittelalter lebten hier Leprakranke. Heute ist es billige Wohnstätte. Jetzt will die Stadt das alte Gemäuer sanieren.

Bardowick - Die Namen der Häuser weisen auf ferne Zeiten hin: Frauenhaus, Männerhaus, Provisorat, Herrenpfründner- und Organistenhaus. Der Wind hat die Ziegeldächer eingedrückt, das Fachwerk ist auch nicht mehr ganz gerade. Sattrot leuchten die Backsteine. An einem blassgrünen Holzwindfang blättert die Farbe ab, hinter den Fenstern hängen weiße Spitzengardinen. Und überall leuchtet und sprießt es an den Häuserwänden und in den Gärten: Zinnien in orange und rot, Sonnenblumen und Tagetes, auch Grünkohl und Rote Beete gedeihen. Und inmitten dieses Ensembles prangt der Turm einer gotischen Backsteinkapelle.

Wir befinden uns am Rande des Wäldchens Eichhof, auf dem Gelände des Hospitals St. Nikolaihof in Bardowick. "Der Nikolaihof war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Jetzt erkennen wir den historischen Reiz und den Charme der Anlage wieder - das ist ein Geheimtipp für Touristen", sagt Lüneburgs Denkmalpfleger Edgar Ring (48).

Was hat Lüneburg mit dem vier Kilometer nördlich gelegenen Nikolaihof in Bardowick zu tun? Die Anlage ist im Mittelalter für Leprakranke gebaut worden. Das Hospital St. Nikolaihof wurde erstmals im Jahr 1251 erwähnt, als Bischof Lüder von Verden den "Armen Siechen" den Besitz eines Zehnten bestätigte.

Wie in vielen anderen Städten Nordeuropas hatte die Salzstadt Lüneburg vor den Stadttoren ein domus leprosorum, ein Haus für Leprakranke, errichtet. Die Aussätzigen bildeten eine Art religiöser Genossenschaft. Aus ihrer Mitte wählten sie einen Leprosenmeister und gelobten Gütergemeinschaft, die gleiche Kost und Kleidung vorschrieb. Sie besaßen ein Bettelrecht. An der Heerstraße bei der Landwehr durfte das Stift einen Armenblock (Opferstock) aufstellen. Was an Geschenken einging, wurde verwendet, um das Vermögen der Stiftung ertragreich zu vermehren, vor allem durch Anteile an der Lüneburger Saline.

Als die Leprakrankheit schwand, wurde das Hospital seit dem 15. Jahrhundert als Altersheim weitergeführt. Ältere Menschen hatten die Möglichkeit, sich dort "einzukaufen". Sie entrichteten eine Pfrundtaxe, die entweder festgelegt war oder sich nach dem Vermögen der Person richtete.

Die Insassen, Prövner oder Pfründner genannt, hatten ursprünglich frei wohnen, frei Heizung, frei Licht und Kost, zeitweilig sogar Kleidung und etwas Taschengeld.

Im Jahre 1441 wurden 48 Prövner gezählt, 1859 waren es etwa 40, zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch zwei. Seit den 50er-Jahren überlässt die Stadt Lüneburg, die Verwalterin der Stiftung Hospital St. Nikolaihof, die Wohnungen gegen niedrige Mieten.

"Seid willkommen, liebe Pilgerinnen und Pilger", begrüßt Bewohner Jose Ramon Moran (49) zwei Touristen aus Buxtehude im Frauenhaus. Er lebt hier hinter sieben Zellentüren, die von einer großen Diele abgehen, mit seiner Partnerin in einer frisch renovierten 70 Quadratmeter großen Wohnung. Früher wohnten die Prövner in einer einzigen Zelle, dreieinhalb mal zweieinhalb Meter groß. Eine solche Zelle können Besucher im Frauenhaus besichtigen. Der Platz reichte für ein Bett, einen Tisch, einen kleinen Schrank oder eine Truhe.

Jose Ramon Moran lehrt gregorianischen Gesang und zelebriert in der Kapelle auf dem Nikolaihof Nachtgebete und Komplete mit Sakralgesang, Flöten- und Dudelsackspiel. "Die Vergangenheit ist hier in den Räumen", sagt der Spanier, "ich spüre die Energien."

Vor dem ehemaligen Balgentreterhaus, wo einst die Balgentreter der Kirchenorgel lebten, wohnt seit 28 Jahren Liselotte König (52) mit ihrem Mann auf 50 Quadratmetern. "Mir gefällt es hier", sagt sie, "es ist so schön ruhig hier. Wenn ich im Urlaub bin, schlaf ich viel unruhiger."

"Im Winter zieht es durch die Fenster - die können nicht mal geöffnet werden", moniert ihre Tochter Nicole König (32), die mit Mann und zwei Kindern im Herrenpfründnerhaus gegenüber der Kirche wohnt. Sie zahlt 105 Euro Monatsmiete - vom Keller bis unters Dach haben sie und ihr Mann das Haus von innen selbst renoviert. Jetzt wird ein Gutachten erstellt, das klären soll, wie die denkmalgeschützte Anlage erhalten und künftig genutzt werden kann - es wird von der VGH-Stiftung mit 40 000 Euro bezuschusst. "Hier herrscht ein ganz schöner Sanierungsbedarf", sagt Denkmalpfleger Edgar Ring, "aber wir wollen den Nikolaihof nicht luxussanieren, sondern die Bausubstanz sichern."

Es könne schon mal wieder frischer Putz und frische Farbe her, sagt auch Ingeborg Märschel (68), die mit ihren Mann für 250 Euro Monatsmiete im Provisorat lebt. "Wir wohnen doch herrlich hier - wir brauchen nicht in den Urlaub zu fahren", sagt die Hobby-Gärtnerin. "Dass die Wände schief sind, ist uns vollkommen klar."

 

(Hamburger Abendblatt vom 15. September 2004)