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Geschichte: Im Mittelalter lebten hier Leprakranke. Heute ist es billige
Wohnstätte. Jetzt will die Stadt das alte Gemäuer sanieren.
Bardowick - Die Namen der
Häuser weisen auf ferne Zeiten hin: Frauenhaus, Männerhaus, Provisorat,
Herrenpfründner- und Organistenhaus. Der Wind hat die Ziegeldächer
eingedrückt, das Fachwerk ist auch nicht mehr ganz gerade. Sattrot
leuchten die Backsteine. An einem blassgrünen Holzwindfang blättert die
Farbe ab, hinter den Fenstern hängen weiße Spitzengardinen. Und überall
leuchtet und sprießt es an den Häuserwänden und in den Gärten: Zinnien in
orange und rot, Sonnenblumen und Tagetes, auch Grünkohl und Rote Beete
gedeihen. Und inmitten dieses Ensembles prangt der Turm einer gotischen
Backsteinkapelle.
Wir befinden uns am Rande des Wäldchens Eichhof, auf dem Gelände des
Hospitals St. Nikolaihof in Bardowick. "Der Nikolaihof war lange Zeit in
Vergessenheit geraten. Jetzt erkennen wir den historischen Reiz und den
Charme der Anlage wieder - das ist ein Geheimtipp für Touristen", sagt
Lüneburgs Denkmalpfleger Edgar Ring (48).
Was hat Lüneburg mit dem vier Kilometer nördlich gelegenen Nikolaihof in
Bardowick zu tun? Die Anlage ist im Mittelalter für Leprakranke gebaut
worden. Das Hospital St. Nikolaihof wurde erstmals im Jahr 1251 erwähnt,
als Bischof Lüder von Verden den "Armen Siechen" den Besitz eines Zehnten
bestätigte.
Wie in vielen anderen Städten Nordeuropas hatte die Salzstadt Lüneburg vor
den Stadttoren ein domus leprosorum, ein Haus für Leprakranke, errichtet.
Die Aussätzigen bildeten eine Art religiöser Genossenschaft. Aus ihrer
Mitte wählten sie einen Leprosenmeister und gelobten Gütergemeinschaft,
die gleiche Kost und Kleidung vorschrieb. Sie besaßen ein Bettelrecht. An
der Heerstraße bei der Landwehr durfte das Stift einen Armenblock
(Opferstock) aufstellen. Was an Geschenken einging, wurde verwendet, um
das Vermögen der Stiftung ertragreich zu vermehren, vor allem durch
Anteile an der Lüneburger Saline.
Als die
Leprakrankheit schwand, wurde das Hospital seit dem 15. Jahrhundert als
Altersheim weitergeführt. Ältere Menschen hatten die Möglichkeit, sich
dort "einzukaufen". Sie entrichteten eine Pfrundtaxe, die entweder
festgelegt war oder sich nach dem Vermögen der Person richtete.
Die
Insassen, Prövner oder Pfründner genannt, hatten ursprünglich frei wohnen,
frei Heizung, frei Licht und Kost, zeitweilig sogar Kleidung und etwas
Taschengeld. |
Im Jahre
1441 wurden 48 Prövner gezählt, 1859 waren es etwa 40, zu Beginn des 20.
Jahrhunderts nur noch zwei. Seit den 50er-Jahren überlässt die Stadt
Lüneburg, die Verwalterin der Stiftung Hospital St. Nikolaihof, die
Wohnungen gegen niedrige Mieten.
"Seid willkommen, liebe Pilgerinnen und Pilger", begrüßt Bewohner Jose
Ramon Moran (49) zwei Touristen aus Buxtehude im Frauenhaus. Er lebt hier
hinter sieben Zellentüren, die von einer großen Diele abgehen, mit seiner
Partnerin in einer frisch renovierten 70 Quadratmeter großen Wohnung.
Früher wohnten die Prövner in einer einzigen Zelle, dreieinhalb mal
zweieinhalb Meter groß. Eine solche Zelle können Besucher im Frauenhaus
besichtigen. Der Platz reichte für ein Bett, einen Tisch, einen kleinen
Schrank oder eine Truhe.
Jose Ramon Moran lehrt gregorianischen Gesang und zelebriert in der
Kapelle auf dem Nikolaihof Nachtgebete und Komplete mit Sakralgesang,
Flöten- und Dudelsackspiel. "Die Vergangenheit ist hier in den Räumen",
sagt der Spanier, "ich spüre die Energien."
Vor dem ehemaligen Balgentreterhaus, wo einst die Balgentreter der
Kirchenorgel lebten, wohnt seit 28 Jahren Liselotte König (52) mit ihrem
Mann auf 50 Quadratmetern. "Mir gefällt es hier", sagt sie, "es ist so
schön ruhig hier. Wenn ich im Urlaub bin, schlaf ich viel unruhiger."
"Im Winter zieht es durch die Fenster - die können nicht mal geöffnet
werden", moniert ihre Tochter Nicole König (32), die mit Mann und zwei
Kindern im Herrenpfründnerhaus gegenüber der Kirche wohnt. Sie zahlt 105
Euro Monatsmiete - vom Keller bis unters Dach haben sie und ihr Mann das
Haus von innen selbst renoviert. Jetzt wird ein Gutachten erstellt, das
klären soll, wie die denkmalgeschützte Anlage erhalten und künftig genutzt
werden kann - es wird von der VGH-Stiftung mit 40 000 Euro bezuschusst.
"Hier herrscht ein ganz schöner Sanierungsbedarf", sagt Denkmalpfleger
Edgar Ring, "aber wir wollen den Nikolaihof nicht luxussanieren, sondern
die Bausubstanz sichern."
Es könne schon mal wieder frischer Putz und frische Farbe her, sagt auch
Ingeborg Märschel (68), die mit ihren Mann für 250 Euro Monatsmiete im
Provisorat lebt. "Wir wohnen doch herrlich hier - wir brauchen nicht in
den Urlaub zu fahren", sagt die Hobby-Gärtnerin. "Dass die Wände schief
sind, ist uns vollkommen klar."
(Hamburger Abendblatt vom 15. September
2004) |