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Die alte Post in "Gelb" |
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Auch in Bardowick gab es die gute alte Post in Gelb. „Hinter der Worth 1a“ hatte die Deutsche Post ihren Sitz. Wenn Briefe oder Päckchen auf die Reise gehen sollten, ging man „auf die Post“. Heute findet man in diesem alten Backsteinhaus die Ilmenau-Apotheke und nichts erinnert mehr an die Deutsche Bundespost. Dabei war der Besuch der Poststelle immer ein Erlebnis der besonderen Art. Ein Besuch, welcher sich erst heute, da es die gelbe Post nicht mehr gibt und alles privatisiert und zerschlagen ist, als ein solcher mit bleibendem Wert in den Gedanken und schönen Erinnerungen einstellt. Vor dem Gebäude stand ein für alle weithin sichtbarer Briefkasten, den man heute nicht mal mit Navigationssystemen im Auto auf Anhieb in einem Ort oder einer größeren Stadt findet. Will ja auch niemand mehr so genau wissen im Zeitalter der E-Mails (übersetzt ins Deutsche: elektronische Post) und der klingeltönenden SMS an jeder Ecke und zu unmöglichen Zeiten.
Wer heute zur Post gehen muss, weil er sein Osterpaket noch nicht per Handy oder Faxgerät versenden kann, besucht einen Servicepoint (übersetzt ins Deutsche: Bedienungspunkt) oder eine Filiale. In den 60er und 70er Jahren war das alles verbindlicher und bedient wurde man „auf der Post“ mit der Akkuratesse im Stile des Deutschen Berufsbeamtentums. Wer natürlich sein Portogeld für die Briefe in D-Mark-Stücken parat hatte, konnte vor dem Gebäude neben dem Briefkasten seine Briefmarken aus einem stabilen Stahlautomaten ziehen. Der war natürlich auch in Post-Gelb lackiert und funktionierte mal mehr mal weniger gut mit seinen leicht ausgeleierten Drehkurbeln, die sich nach Einwurf der Markstücke wie wild drehen ließen, um die Briefmarken „auszuspucken“. Wer zwei Briefe zu frankieren hatte, war fein raus: Noch vor Ort konnte er seine Briefmarken mit der Zunge befeuchten und in den links neben dem Automaten aufgestellten Briefkasten werfen. Die übrig gebliebenen Marken bewahrte man sorgsam im Portemonnaie auf. Denn der nächste Brief ließ im computerfreien Zeitalter nicht lange auf sich warten. Wie gut, dass es heute noch Mahnungen und Rentenbescheide gibt, auf die man in der Regel „nur schriftlich“ antworten muss. Die Briefmarken aus dem Automaten waren in der Regel handelsüblich und oftmals mit dem Konterfei des jeweils amtierenden Bundespräsidenten versehen. Für Philatelisten nicht gerade begehrte Sammelobjekte zur damaligen Zeit. Wer über eine steile Steintreppe in die Postdienststelle trat, kam rechts in einen kleinen Raum, der seine Ordnung hatte und in dem es nach Pakten, Formularen Kleber und dicken gelben Telefonbüchern nur so duftete. Überweisungen und Zahlungsformulare lagen geordnet zur rechten Hand und unter dem Fenster konnte man kurzfristig seinen Brief mit der Adresse vervollständigen und dazu einen ausliegenden Kugelschreiber benutzen. Kugelschreiberdiebstahl in der Postdienststelle Bardowick war zu dieser Zeit so gut wie ausgeschlossen: Die Dienstkugelschreiber waren an kleinen Silberkettchen schwingend wie für die Ewigkeit befestigt. Wer den Kugelschreiber beim Schreiben auch nur für eine Sekunde losließ, dem flog das Ding aus der Hand - wie der Pfeil eines stramm gespannten Flitzebogens. |
Die beiden Schalter waren durch eine Glaswand getrennt und meistens stand vor einem der beiden das in Deutschland noch heute so beliebte Schildchen mit der Aufschrift „vorübergehend geschlossen“. Die beiden Schachtelbüros hinter den lamellenartigen Sichtscheiben waren aufgeräumt und jedes Details lag an seinem Platz. Frei nach dem Motto: „Packe jedes Ding an seinen Ort. Du spart viel Zeit und manch' böses Wort“. Für die Laptop-Generation des 21. Jahrhunderts sei angemerkt: Monitore, Tastaturen, sauerstofffressende Laserdrucker und Web-Kameras suchte man an diesen bis zur Pension genormten Arbeitsplätzen in dieser Zeit vergebens. Das Neonlicht war gedeckt und keine Lichtstrahler oder Flutlichter ersitzen die Atmosphäre wie in einer nächtlichen Diskothek. Zur linken gab es die Paketannahmestelle mit den legendären Rollen auf einem Band. Nicht zu verwechseln mit einem Fließband in der Autofabrik. Denn diese Rollen setzen sich mechanisch erst dann in Bewegung, wenn man vom höflich aufgefordert wurde, sein Paket oder Päckchen zum Wiegen darüber schieben zu dürfen. Links neben der Paketannahme stand etwas, was man wohl in zwanzig Jahren nicht mehr so ohne Weiteres mit einem Satz beschreiben wird können: Eine mit einer dicken Glastür geschützte Telefonzelle, die man nur nach Aufforderung betreten durfte, wenn man ein kostspieliges Ferngespräch führen wollte, das der beantragte Telefonanschluss für Zuhause noch nicht an der zuständigen Stelle bearbeitet wurde. Womöglich ins Ausland, weil man auf ein Telegramm antworten wollte. Für die Handygeneration unserer Tage ein unvorstellbarer Vorgang. Aber, es hat sich tatsächlich so zugetragen. Nach dem Telefongespräch wurde auf Heller und Pfennig genau abgerechnet – und zwar wieder am Postschalter. Es musste alles seine Ordnung haben. Die kleinen Warteschlangen vor dem Schalter waren nicht beunruhigend und führten auch nicht zur Rebellion, sondern eher zur Kommunikation mit dem Nachbarn, der entweder vor oder hinter einem in der Warteschleife stand. Das Gespräch verlief leise und wenn es zu wichtig wurde, trat man aus der Schlange und ans Fenster, um den aktuellen Dorftratsch zur Kenntnis nehmen zu können. „Eile mit Weile - ohne Hektik“: So beschreibt die damalige Atmosphäre in der Bardowicker Poststelle wohl am besten. In den frühen siebziger Jahren, jener leider für immer versunkenen Epoche, hatten Briefstempel noch etwas Erhabenes und die kleinen Runden Schwämme mit den orangefarbenen Kissen zum Anfeuchten der Briefmarken waren vorschriftsmäßig gefüllt und stets feucht. Beides zusammen vermittelte einem das sichere Gefühl: Hier vollzieht sich eine hoheitlicher Akt bei der Deutschen Bundespost, der deinen Brief sicher an die gewünschte Adresse bringt. Im Vergleich zur heutigen Zeit wurde „Kundenfreundlichkeit“ noch einen kleinen Tick größer geschrieben und „Diskretionsabstände“ auch ohne Hinweisschild eingehalten. Selbst der Ärger, wenn man mal wieder die offiziellen Öffnungszeiten vorsätzlich mit höflicher Nichtachtung gestraft hatte und vor verschlossenen Türen stand, hielt sich in überschaubaren Grenzen. Herr Soltau glänzte immer mit Fachwissen und Sachverstand. War ein Brief nicht ausreichend frankiert oder das Weihnachtspaket an den Freund „schludrig zusammen gebastelt“, half er mit Rat und Tat und brachte das Paket mit Klebestreifen und seinen Vorschriften auf DIN-Norm und Vordermann. All dieses ist, wie gesagt, längst Vergangenheit, mehr als 35 Jahre her und die Post „Hinter der Worth 1a“ gibt es schon lange nicht mehr. In Zukunft sollen von den noch verbliebenen 800 Filialen weitere 700 in Deutschland privatisiert werden. In Bäckereien, Tankstellen und Lottoländen werden Postannahmestellen ihr Dasein als anonyme Servicpoints fristen. Wohl nicht mehr erwähnenswert und ohne jegliche Atmosphäre. Deshalb: „Stempel drauf und Schwamm drüber...“ |